Stigmata als Show-Effekt
Die Verwendung von religiösen Zeichen in Horrorfilmen oder Musikvideos ist meistens zwiespältig. Im Horrorthriller „Stigmata“ verwendet der Werbefilmer Rupert Wainwright die Ikonographie der Wundmale Christi, um die Geschichte einer besessenen Frau darzustellen, die in die Fänge des vatikanischen Machtapparates gerät und einem Exorzismus unterzogen wird. Der Film läuft zurzeit in den Schweizer Kinos.
Ein Abgesandter des Vatikans wird beauftragt , wundersame Vorgänge zu untersuchen. Pater Kiernan reist im Auftrag der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse nach Brasilien, um das Phänomen einer weinenden Madonnenstatue zu überprüfen. In der Kirche des jüngst verstorbenen Paters Alameida weint die Muttergottes echte Blutstropfen, was selbst den streng wissenschaftlichen Ordensmann nachdenklich macht. Dieser Fall wird noch übertroffen durch den nächsten Auftrag. Kiernan soll den Fall einer jungen Coiffeuse aus Pittsburgh untersuchen, die die Wundmale Christi aufweist. Das Erstaunliche an diesem Fall erkennt Pater Kiernan sofort: Frankie ist völlig areligiös, während die belegten Fälle von Stigmatisationen sonst immer Zeichen einer tiefen Gläubigkeit und innigsten Identifikation des Stigmatisierten mit dem leidenden Christus waren.
Unheimliche Gewalt
Frankie erlebt die übernatürlichen Eingriffe als überfallartige Attacken einer ungeheuren Macht. Ein nackter Frauenkörper aus der Seitenansicht liegt wie in einem Aquarium gebettet. Grünes Licht umspült Frankie, die in der Badewanne liegt und sich von einem anstrengenden Arbeitstag erholt. Langsam gleitet die Kamera ihrem Körper entlang – eine leicht unterkühlte Aktfotografie. Der Blick gleitet aus dem Wasser in eine Obenaufsicht. Die Tonspur evoziert eine unheimliche Stimmung. Die Kamera verharrt kurz über der Badewanne. Plötzlich brechen in schneller Folge Bilder ein, die in einer Schockmontage die Zerstörung des Frauenkörpers zeigen. Riesige Nägel durchdringen ihre Handgelenke, Blut spritzt rot hervor, der gepeinigte Leib bäumt sich auf und versetzt das Badewasser in Tumult. In rasanter Schnittfolge sind Bilder der Stigmatisierung und Bilder der Wirkung montiert, bis die junge Frau in Kreuzespose in der Badewanne zur Ruhe kommt. Die Grossaufnahme konzentriert den Blick auf die verletzten Unterarme.
Der Werbefilmer Wainwright interessiert sich vor allem für die ästhetische Wirkung des Augenblicks. Virtuose Bildfolgen mischen das Horrorelement mit christlicher Ikonographie und einer sadomasochistischen Schaulust. Kaum jemand kann sich heute noch vorstellen, die Wundmale Christi am eigenen Leib zu erfahren und dabei die abgründige Passion dieses Todesdramas zu vollziehen. Demzufolge bleibt auch die Geschichte des Films zweitrangig. „Stigmata“ zeigt die übersinnliche Peinigung in Hochfrequenz-Sequenzen, wie sie aus der Videoclip-Art bekannt sind. In diesen Kompositionen ist Wainwright in seinem Element und durchschreitet die Auspeitschung in der Untergrundbahn, die Dornenkrönung in einem Blumenmarkt sowie die Durchbohrung der Arm- und Beingelenke im Appartement Unglücklichen der mit einer Virtuosität, wie sie nur in der Ästhetik des Werbefilms denkbar ist.
Die Showeffekte der Stigmatisierung sind äusserst zwiespältig. Sie dominieren die Geschichte, die sich mit dem Thomas-Evangelium beschäftigt und der Frage, inwiefern dieser Text die Machtansprüche des Vatikans in Frage stellt. So wird Pater Kiernan Zeuge, wie die besessene Frankie die Wände in ihrem Appartement mit aramäischen Texten voll schreibt. Er entdeckt, dass es sich um die Fassung eines apokryphen Evangeliums handelt, dessen Veröffentlichung der Vatikan hintertreibt. Kardinal Houseman, Kiernans Vorgesetzter, hatte die vor einigen Jahren gefundenen Schriftstücke an drei Patres zur Übersetzung gegeben, von denen einer Pater Alameida war. Als Houseman erkannte, dass der Text Worte Jesu enthält, die die Existenz der Kirche als Institution in Frage stellen, löste er die vatikanische Kommission auf, die den Fund prüfen sollte. Über einen magischen Rosenkranz, der Pater Almeida gehörte, ist der Geist des verstorbenen Paters nun in Frankies Körper geschlüpft. So will er sein Werk vollenden und die angeblich wahren Worte Jesu an die Öffentlichkeit bringen. Kardinal Houseman versucht mit allen Mitteln diese Veröffentlichung zu verhindern und kreuzt zum furiosen Finale mit Feuerzauber und Exorzismus auf, um persönlich die Botin dieser kritischen Botschaft zu vernichten.
Vatikanische Verschwörung
Der Film basiert auf einer übersteigerten Verschwörungstheorie, die behauptet, dass der Vatikan die Veröffentlichung des Thomas-Evangeliums hintertreibe und sich bis heute weigere, diesen Text anzuerkennen. Die Apokryphen sind weder geheim, noch gibt es eine einheitliche wissenschaftliche Meinung über diese Texte. Aber auch innerhalb der erzählten Geschichte gibt es unglaubwürdige Entwicklungen, wie zum Beispiel die magische Wirkung des Rosenkranzes auf die areligiöse Coiffeuse. Interessant wäre die machtkritische Spur, die der Film verfolgt, indem er die Aussagen des Thomas-Evangeliums als subversiven Text darstellt und die Intrigen innerhalb des katholischen Machtapparates offenlegt. Auch die tödliche Logik des Exorzismus ist angesprochen. Dennoch bleiben diese kritischen Fragen beliebig, da sich „Stigmata“ auf die Wirkung der Effekte konzentriert. Es bleibt der Eindruck, hier werde ein audio-visuelles Feuerwerk im Dienste einer unglaubwürdigen Story verschenkt.
Ein deutlicher Hinweis auf diesen Widerspruch gibt auch das Filmplakat von „Stigmata“, das die Hauptfigur – verkörpert durch Patricia Arquette – in einer Kreuzigungspose zeigt. Der Verleiher United International Pictures rechnet voraussichtlich mit Protesten aus wertkonservativen Kirchenkreisen, die sich gegen diese Darstellung wehren. Die Werbung mit christlicher Kreuzes-Ikonographie wirkt hier sehr widersprüchlich, da sich der Film ähnlich wie die Werbekampagne gar nicht für eine authentische Geschichte interessiert, sondern die christliche Symbolik mit Horror- und Werbeästhetik aufmischt und als Ereignis verkauft.
Charles Martig
Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
Stigmata, Regie: Rupert Wainwright, USA 1999
