38. Solothurner Filmtage: Autorenfilmer und Filmbijous
Mit dem Dokumentarfilmpreis an Erich Langjahrs „Hirtenreise ins dritte Jahrtausend“ wurde in Solothurn nicht nur ein herausragender Film, sondern auch ein jahrelanges Engagement für den unabhängigen Schweizer Film gewürdigt. Aus kirchlicher Sicht sind die Filmtage immer auch eine Entdeckungsreise, in der die kleinen Bijous zählen: Benjamin Kempf hat mit seinem Diplom-Film „Exit“ ein heisses Eisen mit viel Humor angepackt.
Seit Jahrzehnten ist er ein Autorenfilmer und unermüdlicher Kämpfer für den unabhängigen Film: Erich Langjahr, Drehbuchautor, Produzent, Regisseur und Verleiher in Personalunion hat mit eigener Verve und grosser Nähe zu Schweizerischen Lebensthemen Dokumentarfilme gedreht. Ihn bewegt die Arbeit an der „Realität“, die Suche nach Fragen, die Menschen in der Schweiz umtreiben. Zu dieser Realität gehören immer auch kulturelle Traditionen. „Ex voto“ (1986) ist ein Meilenstein seiner Filmographie, ein künstlerisches Werk über Heimat zwischen Tradition und Zerstörung, über den eigenen Heimatbegriff und über das Erkennen des eigenen Standpunktes in diesem Spannungsfeld.
Die Bauerntrilogie, bestehend aus den Filmen „Sennen-Ballade“ (1996), „Bauernkrieg“ (1998) und „Hirtenreise ins dritte Jahrtausend“ (2002) erhebt den Anspruch, verschiedene Formen des Bauerntums in der Schweiz – vom traditionellen Hirtentum und der Alpbewirtschaftung bis zur industriellen Verarbeitung von Nutztieren – aufzuzeigen. Wenigen Filmschaffenden ist es gelungen, den Wertewandel in der Schweizer Gesellschaft derart stimmungsvoll zu inszenieren. Gleichzeitig ist immer auch eine Spannung zu spüren zwischen dem Respekt für die Tradition und dem unabwendbaren Umbruch in der Gesellschaft. Traditionelle Lebensformen wie das Hirtentum erscheinen so als Existenz an der Grenze des menschlich Erträglichen. Die Verunsicherung des Bauerntums zeigt sich am deutlichsten in „Bauernkrieg“, dem politischen Flügel des Tryptichons.
Langjahr wurde nun nach langem Engagement, das sich in der Beharrlichkeit und in der filmischen Konsequenz nur mit dem Filmschaffen von Reni Mertens und Walter Marti vergleichen lässt, mit dem Schweizer Dokumentarfilmpreis gewürdigt.
Filmbijous als Versprechen für die Zukunft
Jährlich entstehen in der Schweiz an Schulen für Gestaltung rund sechzig bis achtzig Filme. Aus diesem Nachwuchsprogramm erstellen die Solothurner Filmtage jeweils eine Auswahl, die einen der Attraktionspunkte des Festivals bildet.
Benjamin Kempf hat im Sommer 2002 an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich mit dem Film „Exit“ abgeschlossen. Mit Stephanie Glaser und Walo Lüönd in den Hauptrollen erleben wir hier eine Auseinandersetzung mit Sterbehilfe, die in zehn Minuten die entscheidenden Fragen auf den Tisch bringt: Erika und Ruedi wollen nach gemeinsamen Jahren voller Höhen und Tiefen ihr Leben beenden. Erika hat Krebs und möchte würdig aus dem Leben gehen. Ruedi möchte nicht mehr ohne sie sein. Alles ist organisiert, doch als die Sterbebegleiterin ins Wohnzimmer tritt, kommen Ruedi Zweifel. Der anschliessende Dialog am Salontischchen ist etwas vom Witzigsten und Treffendsten das in Solothurn zu sehen war.
Ein weiterer Name, den man sich merken sollte, ist Vincent Plüss. Er ist mit dem Langspielfilm „On dirait le Sud“ aufgefallen, der im Stil der Dogma-Filme (Handkamera, möglichst wenig technische Hilfsmittel) gedreht wurde. Jean-Louis, ein junger Vater, der seit kurzem geschieden ist, will sich mit Frau und Kindern versöhnen. Er besucht sie in einem südfranzösischen Dorf gemeinsam mit einem Kollegen. Hin- und hergerissen zwischen Wortlosigkeit und aufgewühltem Überaktivismus bewegt sich die Hauptfigur in einem Wechselbad der Gefühle und stürzt alle Beteiligten in ein spannungsgeladenes Wochenende. Der Entscheid, diesen Spielfilm mit dem Schweizer Filmpreis auszuzeichnen, ist mutig und trägt die Handschrift von Daniel Schmid, der als Jurypräsident eine Nonchalance an den Tag legte, wie dies nur ein international versierter Kunstschaffender kann.
Von den Kirchen unterstützte Filmkultur
Die Lese des Jahrgangs 2002 war, neben den erwähnten Werken, vor allem von einer hervorragenden Qualität der Dokumentarfilme geprägt. Dabei standen Filme im Mittelpunkt, die auch von den Kirchen unterstützt wurden: „Seelenschatten“ von Dieter Gränicher, „Elisabeth Kübler-Ross – Dem Tod ins Gesicht sehen“ von Stefan Haupt, „Il vento di settembre“ von Alexander J. Seiler oder auch „Cyrill trifft…“ von Stefan Jäger. Sie behandeln Themen, die für die Kirchen sehr wichtig sind z.B. Depression als Krankheitsbild, die Auseinandersetzung mit dem Tod oder die Integration von Arbeiterfamilien aus dem Süden. Formal sind es durchwegs Porträts von Menschen, die durch ihre Authentizität berühren und überzeugen.
Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
„Seelenschatten“: https://www.medientipp.ch/index.php?na=3,1&meid=32248
„Elisabeth Kübler-Ross – Dem Tod ins Gesicht sehen“:
https://www.medientipp.ch/index.php?na=5,1&meid=19907
„Il vento di settembre“: https://www.medientipp.ch/index.php?na=3,1&meid=19959
„Cyrill trifft…“: https://www.medientipp.ch/index.php?na=1,2&meid=31920
Weitere Angaben zu den 38. Solothurner Filmtage befindet sich unter:
http://www.solothurnerfilmtage.ch
