„The Magdalene Sisters“

Am diesjährigen Filmfestival Venedig vergab die Jury den Hauptpreis an Peter Mullans Film „The Magdalene Sisters“. Mit diesem Entscheid war die katholische Kirche nicht einverstanden: Sie hatte den Film im Vorfeld des Festivals als „gemeine Provokation“ bezeichnet. Eine Stellungnahme von Peter Malone, Präsident der internationalen katholischen Medienorganisation SIGNIS.

Der Schottische Schauspieler und Regisseur Peter Mullan hat einen professionell gemachten, jedoch unerbittlich zornigen Film über die katholische Kirche im Irland der Mittsechzigerjahre gedreht. Er hat Recherchen über die damaligen Waschhäuser durchgeführt, in denen junge Frauen, die uneheliche Kinder geboren hatten oder in ihrem sexuellen Verhalten als verwahrlost galten, von Nonnen zur Arbeit getrieben wurden. Diese Frauen wurden oft „Magdalenes“ genannt.

In den letzten Jahren sind insbesondere im englischsprachigen Raum einige Begebenheiten über körperlichen und sexuellen Missbrauch in Kirchgemeinden und kirchlichen Institutionen an die Öffentlichkeit gelangt, die zu zivilrechtlichen Konsequenzen für die betroffenen Priester und Mönche geführt haben. Im Film „The Magdalene Sisters“ kommt sexueller Missbrauch im Zusammenhang mit dem Priester (Kaplan) vor. Nur wenige Nonnen kamen vor Gericht, obwohl viele Fälle von körperlichen Gräueltaten bekannt wurden, mehr noch, als über sexuellen Missbrauch. Viele dieser Grausamkeiten geschahen in den 50ern und 60ern. Die Nonnen im Film wurden in den 50ern oder früher ausgebildet. Die Handlung des Films spielt in den 60er Jahren.

Der Film wird sicherlich Betroffenheit auslösen bei einem Publikum, das durch die Erfahrungen und die Gerichtsfälle der 90er Jahre aufgeschreckt wurde. Er wird Traurigkeit auslösen bei jenigen, die gute Erfahrungen mit der Erziehungsarbeit von Nonnen gemacht haben, und bei jenigen, die ein positives Bild von der Kirche und deren Personal aufrecht erhalten möchten. Vielleicht wird der Film einen bisher nicht gekannten Eindruck hinterlassen, da er in Bildern zeigt, was bisher vorwiegend durch Worte kommuniziert wurde. Nichtsdestotrotz ist diese Geschichte wahr wie viele andere, die in der katholischen Presse berichtet wurden.

Ist dieser Film nun ein Angriff auf die katholische Kirche? Nein, sagt Peter Mullan. Das war nicht seine Absicht. Es ist eine Kritik an einer religiösen Kultur. Es ist offensichtlich ein Angriff auf die Härte der Kirche, welche oft als charakteristisch für den unnachgiebigen irischen Katholizismus gilt. Es ist eine Kritik am Machtmissbrauch im Namen der Kirche (mit Hinweis auf Matthäus 20, 24-28 mit den Worten Jesu zu Macht, Autorität und Diensterweisung).

Damit besagt Mullan, dass Irland eine Theokratie war. Er zeigt auf, dass diejenigen, welche die Herrschaftsform der Theokratie für gegeben hinnahmen, auch für das Herrschaftsverhalten in Gottes Namen anfällig waren. Das bedeutet, dass selbst die Nonnen Opfer dieser religiös-zivilen Kollaboration waren.

Nicht nur die Priester haben die jungen Frauen verurteilt und sie in den Waschhäusern zu disziplinieren versucht, auch von ihren Familien wurden sie dorthin geschickt. Dies wird im Film mit der jungen Frau dargestellt, die von ihrem Cousin vergewaltigt wurde: Entweder man glaubt ihr nicht oder sie wird als Sündenbock für die Untat des Mannes verantwortlich gemacht.

Bei der Pressenkonferenz am Film-Festival in Venedig thematisierte Peter Mullan auch andere Theokratien, unter anderem das Beispiel der Taliban. Dies gab Anlass zu absurden Berichten, die einen Vergleich zwischen Nonnen und Taliban-Führern anstellten.

Obwohl der Film das Zweite Konzil und den Aufruf zum Überdenken des religiösen Lebens nicht direkt zum Thema hat, wird dennoch in den Szenen darauf verwiesen, als ein Gönner dem Konvent den ersten Film überbringt („The Bells of St. Mary´s“) und als die neuen Waschmaschinen gesegnet werden. Wann diese Reformbemühungen in Irland eingeführt wurden, mögen uns diejenigen erzählen, die sich daran erinnern. Aber sie zeichnen die Charaktere und deren Verhaltensweisen differenzierter und machen den Film damit zu einem wirklich starken Drama. Ein britischer Filmkritiker bemerkte, dass der Film ein „Eintonfilm“ sei („one-note´ film“), der keine Variation im erbitterten Erzählstil zuliesse.

Wie auch immer: Es ist ein Film von Peter Mullan. Die Schauspielleistungen der Mädchen zeugen von grossem Können. Die Nonnen sind weniger nuanciert dargestellt, meist in Überwachungssequenzen oder im Refektorium, wo sie die üppigeren Mahlzeiten zu sich nehmen. Spezielle Beachtung verdient Geraldine McEwan. Sie zeigt die Tradition der starken Oberin, die das letzte Wort hat und deren Wille auch Gottes Wille ist. Sie erscheint oft grausam. Auch wir erinnern uns mit Bedauern an solche Kirchenleute, möchten aber betonen, dass nicht alle so waren. Es handelt sich letztlich um einen Spiel- und nicht um einen Dokumentarfilm.

Das Publikum wird sich darüber im Klaren sein, dass die Mehrheit der in der Kirche Tätigen nicht so gehandelt hat, womit der Film vergleichbar wird mit kritischen Darstellungen der Polizei oder Politik.

„The Magdalene Sisters“ ist Teil der kritischen Reflexion über das kollektive Gewissen der Kirche und bringt die Bitte um Reue und Entschuldigung zum Ausdruck. Dazu hat Papst Johannes Paul II. in den letzten Jahren ermutigt und ist als Beispiel vorangegangen.

Text: Peter Malone, Präsident der internationalen kath. Medienorganisation SIGNIS
Übersetzung: Julia König