Hochverdiente Filmpublizisten gewürdigt
Am 2. Dezember luden die kirchlichen Mediendienste in Zusammenarbeit mit dem Filmpodium der Stadt Zürich zur Veranstaltung „Kino und Kirche – eine lebendige Beziehung“ ein, um auf sechzig Jahre kirchliche Filmpublizistik in der Schweiz zurück zu blenden.
Mit der Herausgabe der Filmzeitschrift ZOOM haben die katholische und die reformierte Kirche seit Jahrzehnten den Dialog mit der Filmkultur gepflegt. Heute steht die Filmpublizistik der Kirchen an einem Wendepunkt: Im August ist die renommierte Zeitschrift ZOOM übergegangen in die Schweizer Kinozeitschrift FILM, die von einer breiteren, die Kirchen einschliessenden Trägerschaft herausgegeben wird.
Kirchlich-publizistische Filmfamilie unter sich
Aus diesem Anlass veranstalteten der Evangelische und der Katholische Mediendienst gemeinsam mit dem Filmpodium der Stadt Zürich einen Rückblick auf sechzig Jahre kirchliche Filmpublizistik in der Schweiz. Bei der Veranstaltung am 2. Dezember 1999 im Filmpodium Studio 4 waren die Reihen im Kinosaal gelichtet, denn die kirchlich-publizistische Filmfamilie feierte weitgehend unter sich. Hans Hodel, Filmbeauftragter des Evangelischen Mediendienstes, betonte, dass an diesem Abend ein Wendepunkt gefeiert werde: „Übergänge, die im Leben grundlegend sind, geben Anlass zur Besinnung, sind für uns auch ein Grund zum Feiern.“ Er schaue stolz und dankbar auf die sechzig Jahre kirchliche Filmpublizistik zurück, ergänzte der Berner Pfarrer. Feinfühlig würdigte Hans Hodel all die hochverdienten Personen, die sich jahre-, wenn nicht jahrzehntelang, um die kirchliche Film- und Medienpublizistik verdient gemacht haben.
Der Film als Spiegel der Welt und Gesellschaft
In Form eines „Kurzfilm“-Vortrages brachte der ehemalige ZOOM-Redaktor Urs A. Jäggi die Geschichte der kirchlichen Filmpublizistik auf die sprachliche Leinwand. Jäggi würdigte unter anderem den Film als Gegenwartsbeschreibung und als Spiegel der Welt und Gesellschaft, den Film als Widerstand gegen verbohrte Ideologien, den Film als Protest gegen Unrecht und Ungerechtigkeit, den Film auch als listige Parabel in Opposition zur herrschenden Macht, den Film als befreiendes Gelächter und nicht zuletzt den Film als verkappten und direkten Übermittler von christlich-ethischen Botschaften. Das grosse Verdienst der kirchlichen Filmpublizistik sei gewesen, gesellschaftskritisch über den Film zu schreiben und zu reflektieren.
Franz Ulrich: Liebe zum Film und zu den Filmemachern
Hans Hodel nannte Ursula Ganz Blättler, die erste Frau im Redaktionsteam. Er erwähnte auch alle Volontäre, die sich an der Seite der Redaktoren für die Zeitschrift „ZOOM“ engagiert haben. Dann würdigte er Franz Ulrich, der seit 1966 die Zeitschrift am längsten und am dauerhaftesten massgeblich gestaltet hat. Hans Hodel strich die hohe Wertschätzung heraus, die Franz Ulrich bei den Schweizer Filmemachern stets genoss. „Mit deinem grossen Respekt und deinem starken Einfühlungsvermögen hast du immer versucht, jedem einzelnen Film gerecht zu werden. Du hast nie versucht, jemanden in die Pfanne zu hauen, sondern hast die grosse Arbeit der Filmemacher stets erkannt.“ Der Referent hob zudem Ulrichs kompetente Festival-Bericht-erstattung hervor. „Was mich stark beeindruckt hat, ist seine grosse Bescheidenheit sowie die Liebe zum Film und zu den Filmemachern.“ Hans Hodel lobte abschliessend auch die redaktionellen Verdienste von Urs A. Jäggi sowie diejenigen der jetzigen Redaktoren Dominik Slappnig und Judith Waldner.
Das „Schweigen“ proviziert nicht mehr
Zum Abschluss der Feierstunde führte Charles Martig, Filmbeauftragter des Katholischen Mediendienstes, kurz in den 1963 enstandenen Film „Das Schweigen“ des Schweden Ingmar Bergmann ein. Der Film löste bei seiner Erstaufführung eine Protestwelle aus und wurde durch die Diskussion in der breiten Öffentlichkeit zum „Skandalfilm“. In der Schweiz und in Deutschland erhielt der Film extrem ablehnende bis euphorisch unterstützende Bewertungen und Interpretationen. Die kirchliche Filmpublizistik in der Schweiz hatte 1964 deutlich Partei ergriffen für die ernsthafte Auseinandersetzung mit Bergmann. In „Der Filmberater“ – dem katholischen Vorläufer von ZOOM – schrieb der deutsche Jesuit und Bergmann-Kenner Joseph Burvenich: „Der Film ist ein aufrichtiges Werk. Es ist ebenso ein reines Werk von künstlerischem und moralischem Standpunkt aus. Es pornographisch zu nennen ( .) wäre ungerecht.“ Im reformierten „film und radio“ holte der Schweizer Filmkritiker Martin Schlappner zu einer theologischen-philosophischen Interpretation aus und hielt fest: „Ingmar Bergmann steht geistig in der Tradition des modernen existentiellen Protestantismus, und ein Name wie der Kierkegaards drängt sich wie von selbst in die Feder: ´Das Schweigen´ als realistische Parabel der Krankheit zum Tode hin.“
Aus heutiger Perspektive ist die Radikalität des Films kaum mehr wahrnehmbar. Die letzten drei Jahrzehnte haben die Sehgewohnheiten dermassen verändert, dass niemand mehr schockiert aus dem Kino läuft. Im Gegenteil: Gähnende Langeweile machte sich bei mir breit. Die Provokation von „Das Schweigen“ liegt heutzutage wohl eher darin, dass der Film beharrlich an seinem Thema der Isolation, der Vereinsamung und des Stillstands arbeitet.
Christian Murer
Mitglied der Katholischen Filmkommission
