Populäre Metaphysik – Der Film „The Matrix“ – Eine Kontroverse

Der science-fiction-Film „The Matrix“ ist ein Phänomen. Mit einem Budget von 63 Millionen Dollar produziert, hat der futuristische Thriller allein in den USA 200 Millionen Dollar eingespielt. Der überwältigende Erfolg des zweiten Filmes von Andy und Larry Wachowski kam selbst für Branchen-Insider gänzlich unerwartet. Der Enthusiasmus der jugendlichen Kinogänger für den Film schwappte über auf das Internet und gebar das an Wichtigkeit gewinnnende Phänomen der virtuellen Mund-zu-Mund-Propaganda. „The Matrix“ ist angefüllt mit revolutionären Spezial-Effekten. Kontrovers und auch ausserhalb der Kultgemeinden diskussionswürdig jedoch machen ihn sein System von Zitaten und Anspielungen: Michel Foucault, Eschatologie, surrealistische Bildwelt, Kabbalismus – das Interpretationspotential scheint unerschöpflich, wie die beiden folgenden Meinungen belegen.

Offenbarung Online

Für den Liebhaber des Science-Fiction-Films ist The Matrix eine Offenbarung. Für philosophisch und theologisch Interessierte bietet der Film eine reichhaltige populäre Metaphysik. Die regieführenden Brüder Wachowski verbinden Spezialeffekte, Cyberkultur und messianisches Heilsversprechen zu einer neuen Form des religiös-spekulativen Films.

Die Welt ist in zwei Realitäten gespalten: Eine besteht im alltäglichen Leben und die andere liegt dahinter. Die erste ist ein Traum, die dahinterliegende Welt heisst The Matrix, eine gewaltige Computersimulation, die das Leben im Jahr 1999 vortäuscht. „Hattest du je einen Traum, Neo, bei dem du dir sicher warst, dass er real war? Was wäre, wenn du unfähig wärst, aus diesem Traum zu erwachen, Neo? Wie würdest Du den Unterschied zwischen Traumwelt und Realwelt erkennen?“ Die Fragen von Morpheus – der eine Figur aus der Unterwelt ist, halb griechischer Gott der Träume, halb Meister der Halluzination – verstören den jungen Helden. Neo ist sein Übername in der Welt der Computer-Hacker. The One, der Eine und Auserwählte, nennt ihn der mysteriöse Morpheus, der in Neo den Erlöser für die Menschheit sieht.

Science-Fiction ist die populäre Form der Eschatologie, der Lehre von den letzten Dingen. In der jüdisch-christlichen Theologie ist die Rede von der Rückkehr des Messias am Jüngsten Tag, dem endgültigen Gericht über Gut und Böse, ein Ereignis der Zukunft, das im Verständnis der Evangelisten bald eintreffen wird und in der Apokalypse des Johannes in die Jetzt-Zeit fällt: Das Jüngste Gericht ist bereits angebrochen. Die Eschatologie führt uns in die Zukunft und blickt zurück auf die Gegenwart; und in der apokalyptischen Verschärfung bricht die zukünftige Zeit in die Gegenwart ein. Dieselbe Bewegung vollzieht auch der Science-Fiction-Film in seiner Erzählperspektive. In The Matrix ist die Klimakatastrophe bereits eingetreten; menschliches Leben ist auf der Erdoberfläche nicht mehr möglich. In diesem postapokalyptischen Zustand der Welt haben Maschinen mit künstlicher Intelligenz die Herrschaft übernommen. Sie züchten die Menschen als Energiespender und gaukeln ihnen in einer perfekten Computersimulation das alltägliche Leben im Jahr 1999 vor. Die Welt in ihrer extremen Form der Unerlöstheit.

Die Faszination, die von The Matrix ausgeht, leitet sich ab von der düsteren und anti-utopischen Linie des Genres, zu der Filme wie Johnny Mnemonic und Dark City gehören. „Sie und viele andere Science-Fiction-Filme der letzten Jahre zeigen sich geprägt von einem immer virulenter werdenden Misstrauen gegen die Technik und deren Veränderungen an der Welt, in der wir leben. Während einerseits im täglichen Gebrauch die Begeisterung für die technischen Errungenschaften der Kommunikationsindustrie immer grösser wird, schleicht sich ins Unterbewusstsein der PC-Generation offenbar auch eine verschleierte Furcht vor der Abhängigkeit von intelligenten Maschinen ein, die in Filmen wie The Matrix ausgelebt werden kann. In deren Hintergrund spielt das aktuelle Unbehagen an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen, an der wachsenden Machtposition der Industrie und am Verlust natürlicher Lebensräume eine Rolle.“

Im Science-Fiction ist die Spekulation über das Ungesicherte und Irreale, über die Vergegenwärtigung von zukünftigen Welten stets ein Anstoss, die Nähe zu religiösen Traditionen zu suchen. In The Matrix spielt die messianische Sendung des Helden eine entscheidende Rolle. Mit Morpheus als Vater und Trinity als liebendem Schutzengel entwickelt sich Neo zu seiner wahren Bestimmung als Retter. Die Dreifaltigkeitssymbolik ist durchaus intendiert und vermischt sich mit zahlreichen mythologischen Hinweisen: Der einzige Zufluchtsort der Menschen heisst Zion und befindet sich in der Nähe des Erdkerns; das Piratenschiff, mit dem Morpheus und seine Crew den Cyberspace durchqueren trägt den Namen des babylonischen Königs Nebukadnezar, der wiederum auf das Traummotiv verweist.

Religion als Lifestyle-Produkt

The Matrix ist auch ein Lifestyle-Produkt. In der Welt der Computersimulation treten Morpheus, Neo und Trinity in schwarzer Lederkleidung auf, lange schwarze Mäntel und Sonnenbrillen im Gesicht geben Ihnen den trendigen outfit. In ihrer „realen“ Kinoexistenz leben sie als Guerilleros im Untergrund, streifen mit ihrem Schiff durch die Grossstadtkanalisation, tragen ausgefranste Pullover und abgescheuerte Armeehosen. Der Wechsel von einem Lebensstil in den anderen ist derart einfach: man muss sich nur über eine Schnittstelle in die Computersimulation einklinken. Der Traum der stetigen Verwandlung wird hier in virtuellen Erlebniswelten realisiert. Für das Lifestyle-Produkt The Matrix ist das visuelle Design entscheidend. Mit revolutionären Spezialeffekten – einer Kombination aus Hong-Kong-Film, Videospielanimation und Action-Kino – schaffen die Regisseure eine Abenteuerwelt im Stil des Cyberpunk. Diese befriedigt in der Online-Generation sowohl die voyeuristische Lust nach aussergewöhnlichen Effekten als auch das religiöse Bedürfnis nach einer Sinnsuche in der unendlichen Weite des virtuellen Raums.

Charles Martig
Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst

Blendender Schein

Ein visuell atemberaubendes orgiastisches Spektakel. Inspirierte, coole Bilder. Aber sonst. Kratzt man am Lack des plakativ tiefschürfenden philosophischen Überbaus kristallisiert sich die Message und das inhaltliche Niveau von The Matrix: Der Mensch ist besser als die Maschine – aha .

Die Vorstellung einer allgemeingültigen, universellen Realität ist längstens verworfen worden. Das Gaukelwerk, den Schein und seine eitlen Betörungen, gilt es zu entlarven. Darüber herrscht Einigkeit – selbst in The Matrix. Seine Protagonisten fühlen sich erwählt, den Gutgläubigen die Augen zu öffnen, sie mit der „wahren Realität“ zu konfrontieren. Die Masse nämlich wird durch eine Fassade an der Nase herumgeführt – ähnlich dem Publikum von The Matrix.
Das Regiegespann von The Matrix, die Brüder Larry und Andy Wachowski, betonten in Interviews nachdrücklich ihr reges Interesse an Mythologie, Theologie und höherer Mathematik. Alles Wege, mittels derer der Mensch nach dem Wesen der Letzten Dinge strebt. Der Stoff, aus dem Epen gemacht sind. Das vermeintliche Kaliber von The Matrix, ein Film, der tatsächlich zugleich intelligent, raffiniert und – ein scheinbares Paradoxon – ausgesprochen stupide ist.

Bildungsschutt

Das Arsenal an Anspielungen, das Jonglieren mit Zitaten und Ideen, auf denen die Geschichte des Films gründet, ist allerdings überwältigend. Klassische Literatur verquickt mit einem Sammelsurium an philosophischen Konstrukten und Populär-Kultur, eingebettet in eine halluzinatorische Optik.
Da ist zunächst die zentrale Idee eines Messias, in jüdisch-christlicher Tradition oder ähnlich der Suche nach der Reinkarnation des Buddha. Keanu Reeves spielt den Hacker Neo, der für „The One“ gehalten wird, die Menschheit zu erretten. Die rettende Arche trägt den sinnigen Namen Nebukadnezar, die Protagonistin ihrerseits heisst Trinity, Dreieinigkeit, das heilversprechende Refugium Zion und die Judas-Figur Cypher, wie Luzifer oder wie Luis Cypher, der Name der teuflischen Inkarnation im Film Angel Heart (1987).
Die griechische Mythologie wird bemüht mit den Figuren-Namen Orpheus und Morpheus, dem Gott des Schlafes, und das prophetische Orakel der Odyssee taucht in der Gestalt einer wahrsagenden Hausfrau auf.
Das antike Missions-Motiv ist gepaart mit dem Gerippe der Bewusstwerdungsgeschichte aus Alice im Wunderland: In The Matrix durchläuft Keanu Reeves´ Bewusstseins-Horizont eine Entwicklung, Pillen fungieren als „Eat Me Cakes“, der Weisse Hase ist schwarz, das Kaninchenloch eine Toilette.
Rudimentäre Anspielungen auf theoretische Mathematik und vulgärpsychologische Verklärungen der Jungschen Archetypen bis hin zu Verweisen auf filmische Pop-Kultur wie japanische Anime-Animation oder die modernen science-fiction-Klassiker Blade Runner (1982) und The Terminator(1984/1991) sollen uns endgültig davon überzeugen, dass die Ambitionen der Wachowskis jenseits von Konfektionsware anzusiedeln sind. Eklektizismus im Hyperspace.

Anspruch und Realität

Die Unzahl an Verweisen und Zitaten in The Matrix sind Ausdruck einer Strategie der Filmemacher, ihrem Werk eine Aura der Ernsthaftigkeit zu verleihen. Es soll als ebenso intelligent und komplex eingeschätzt werden wie die Referenzen. Als Folge mutet The Matrix wie zwei gesonderte Filme an. Zum einen der reine science fiction-Genre-Film, angefüllt mit Action-, Drama- und Fantasy-Elementen und adressiert an das breite Publikum. Zum andern eine kryptische Botschaft, verschlungen und hermetisch.
Das lustvolle Sehvergnügen bei The Matrix resultiert nebst dem visuellen Spektakel aus einem System der Belohnung. Einerseits glaubt man als Zuschauer gerne, an einem tiefgründigen Diskurs über existentielle Zweifel teilzuhaben. Andererseits wird auch das Selbstwertgefühl genährt, erkennt man den banalsten Querverweis.
Das Tempo der Inszenierung vermag jedoch nicht über die selbstgefällige Nichtigkeit dieses esoterischen Spielchens hinwegzutäuschen. Das Pathos der Darbietung steht in direktem Verhältnis zur Trivialität der Dialoge.

Hinter der Fassade

Das Attribut „pseudo“ ist der gemeinsame Nenner und fasst die Problematik um The Matrix zusammen. Das imponierende philosophische Gedankengebäude ist pure Staffage, ungereimt und unsinnig. Die Ironisierung schafft es nur selten, den prätentiösen Anspruch des Stoffes zu brechen und den Inhalt auf die spielerische Ebene entsprechend den Videogame-Bildern zurechtzustutzen.
Geniessen kann man The Matrix als berückendes Spektakel, denn die Spezialeffekte begeistern jeden Anhänger von reinem Kino. Den Film aber als Visualisierung von Platons Loslösungs- und Erkenntnisprozess der im Körper gefangenen Seele und als ernstzunehmenden Versuch über die Letzten Dinge werten zu wollen, ist lächerlich. The Matrix ist so intellektuell wie Pulp Fiction und so philosophisch wie Star Wars.

Andreas Maurer
Derzeit Praktikant beim Katholischen Mediendienst,
Student der Publizistik- und Filmwissenschaft

„The Matrix“
Drehbuch und Regie: Andy und Larry Wachowski
mit Keanu Reeves, Laurence Fishburn, Carrie-Anne Moss, Hugo Weaving
Inhalt: Tagsüber jobbt Thomas (Keanu Reeves) als Computerspezialist, in den Nachtstunden hackt er als Neo im Netz. Er forscht nach Informationen über die Matrix, eine unfassbare, bewusstseinskontrollierende Macht. Neo strebt nach Antworten auf die elementaren Fragen, woher, wozu, wohin. Über die Mittelsfrau Trinity (Carrie-Ann Moss) nimmt Hacker-Legende Morpheus (Laurence Fishburn) Kontakt mit Neo auf, um ihm seine Bestimmung zu eröffnen: Er sei erwählt, die Macht der Maschinerie zu unterlaufen und die illusionsschaffende Matrix auszuschalten.

The Matrix “ ist derzeit noch in vereinzelten Schweizer Kinos zu sehen.
In den USA ist kürzlich zudem eine Spezial-Edition des Filmes auf DVD erschienen; zu beziehen z. B. über http://www.amazon.com
Die offizielle „The Matrix“-Website:
http://www.whatisthematrix.com