„Expedition Robinson“ – Und die Kamera lügt doch nicht
Am 6. September ist der neue Schweizer Fernsehsender TV3 lanciert worden. Eines seiner umstrittenen Flaggschiffe auf der Jagd nach Quoten ist „Expedition Robinson“.
Männer auf der Jagd, beim Fischen und Flossbau, Frauen beim Sammeln, Nähen und Köcheln. Eine paradiesische Idylle auf einem malaysischen Eiland, auf dem die natürlichen Veranlagungen und die ursprünglichen Geschlechter-Rollen ungeachtet auferlegter Emanzipationsdiktate wieder gelebt werden dürfen. Ungemein befreiend muss das Wiederentdecken der aufrichtigen Solidarität im Kampf gegen die Widrigkeiten der Natur sein: Fernab postmoderner Hektik und hysterischen Wettbewerbs im Überlebenskampf kann man sich selbst finden, die Wahrhaftigkeit des Seins und Seienden begreifen, und das alles mit tausenden von Zuschauern teilen – „Expedition Robinson“, ein Geschenk des neuen Schweizer Fernsehsenders TV3.
Brot und Spiele
„Expedition Robinson“ hat ein für unsere Gefilde aufsehenerregendes Sendekonzept: Sechzehn Menschen, ausgewählt aus hunderten von Bewerbungen, werden auf eigene Verantwortung auf der jungfräulichen Insel „Tengah“ vor der Küste Malaysias ausgesetzt. Bloss mit der nötigsten Menge an Wasser, Mehl, Zucker und Präservativen versorgt, kämpfen sie Tag und Nacht um den Verbleib im Tropenparadies. Die Verbindung zur Aussenwelt wird einzig vom einem Fernsehteam aufrechterhalten, welches auf der Nachbarinsel in einem komfortablen Resort einquartiert ist. Moderator und Kameracrew dokumentieren die Insektenplage, den Bau des Klos und das Lagerfeueridyll. Aber auch aufkeimende Spannungen zwischen den Teilnehmenden werden – mittels Einzelbefragungen der Betroffenen – eifrig verfolgt. Aufgeteilt in zwei Teams, führen die Kandidaten während der folgenden 45 Tage zum einen Wettbewerbe durch, bei denen es etwa ein Telefonat mit der Liebsten zu gewinnen gibt – ein fortan von neuem geschätzter Luxus. Zum andern finden sogenannte „Überlebensspiele“ statt, als deren Folge das jeweils unterlegene Team einen feierlichen „Inselrat“ abhalten muss, um anhand einer – nicht für den Fernsehzuschauer – geheimen Abstimmung zu ermitteln, welches wackere Mitglied die Heimreise anzutreten hat. Gemäss dieser Logik der Dezimierung wird der „Robinson des Jahres“ erkoren, dem 50´000 Franken Prämie winken. „Herr der Fliegen“ trifft „Zehn kleine Negerlein“.
Gewiss, mitunter beschleicht das sensible Publikum ein vages Gefühl. Man fürchtet, die aufbrechenden Konflikte könnten in befremdlichen Ernst umschlagen und den Reigen seines lieblichen Spielcharakters berauben. Doch die einfühlsamen Worte des Moderators Sven Grütter und schwelgerische Postkarten-Ästhetik, untermalt von meditativen Klängen suchen, die Bedenken der irritierten Fernsehgemeinde zu zerstreuen.
Auf zu neuen Ufern
„Doku-Soap“ nennt sich das Zwitter-Genre, zu dem „Expedition Robinson“ zu zählen ist. Das Etikett weckt die Erwartung, dass trotz emotionalisierender „Soap“-Elemente von den Produzenten ein dokumentarischer Anspruch eingelöst werden will. Tatsächlich wird oberflächlich stilistisches Repertoire der Dokumentation mobilisiert mit dem Effekt, dass einzelne Passagen der Sendung wie ein friedliches Reisemagazin anmuten, andere einer Pseudo-Live-Übertragung von „Spiel ohne Grenzen“ vor Kokos- Kulisse gleichkommen.
Man kommt nicht umhin, TV3 oder vielmehr den Schöpfern des originalen, in Skandinavien erprobten Konzeptes, Tribut zu zollen. Es gelang, ein aussergewöhnliches Format zu kreieren, das die spezifischen Vorzüge des Mediums auszureizen versteht. Dokumentation, „Soap-Opera“, „Gameshow“ und „Daily Talk“ vermengen sich unmerklich, was es selbst für den versierten TV-Veteranen unmöglich macht, „Expedition Robinson“ trotz der vermeintlich klar deklarieren Genre-Bezeichnung einzuordnen.
Unter der Käseglocke
Wird „Expedition Robinson“ als „realistisch“, als den Darstellungskonventionen von „Realität“ entsprechend erfahren? Die Medienwissenschafterin Ursula Ganz-Blättler, die in Lausanne und Zürich doziert, stellt lakonisch fest, dass den Produzenten ein in der Wissenschaft nicht umsetzbarer Coup gelungen sei: das Durchführen eines soziologischen Experimentes in einer kontrollierten „Laborsituation“. Für ähnlich aufgeschlossene Geister ernüchternd oder gar erschreckend waren die augenscheinlich tief verwurzelten Verhaltensmuster, welche das Abenteuer zu Tage förderte: Die Mehrheit der teilnehmenden Frauen fühlte sich genötigt, sich auf zwei Strategien zu verlegen, um die Integration in die Gruppe zu erlangen: sich entweder bei den überlebenstüchtigen Männern anzubiedern oder sich auf antiquiertes Rollenverhalten und damit verbundene Arbeiten zu beschränken. Speziell zwei Kandidatinnen liessen sich jedoch nicht beirren und legten Reflexion und Spiritualität, unverkennbare Anzeichen von Individualität, an den Tag. Dies eckte bei manchem Insulaner offensichtlich als demonstrativer Non-Konformismus an und hatte sogleich ausgemerzt zu werden: die eine der zwei Frauen wurde als erste von der Insel verbannt. Männliche Tatkraft schliesslich macht den Robinson. Ein Triumph der Sozialisation über die Selbsttäuschung.
Über das Marionettentheater
Dem Gros der Kandidaten jedoch ist offenkundig ein wesentlicher Aspekt der Sendung nicht bewusst, auf den Ursula Ganz-Blättler, auf Genre-Analysen spezialisiert, hinweist: Der Umstand, dass sie Material einer Erzählung, Ziel und Objekte einer Dramaturgie sind, gerät in Vergessenheit. Eine unsichtbare Autorenschaft ist erpicht, das Drama, das sich auf den Gesichtern der austauschbaren Identifikationsfiguren in Grossaufnahme abspielt, effektvoll in Szene zu setzen. Bereitwillig manipuliert, geben sie, meist unwissentlich, ihr Intimstes preis. Das zentrale Interesse gilt nicht dem zelebrierten Kampf der Zivilisierten gegen die ungezähmte Natur, sondern dem zwischenmenschlichen Konflikt. Einsamer Höhepunkt für den verkappten Voyeur ist zweifelsohne das ritualisierte Mobbing des Inselrates, bei dem wir lediglich die Folgen und Auswüchse, nicht aber die Gründe und Entstehung der Aggressionen zu sehen bekommen. Die Situation ist künstlich, die Konflikte und ihre Konsequenzen real.
Die Prognose hinsichtlich der künftigen Entwicklung von „Expedition Robinson“ – wollen die Macher das Einschaltquoten-Potential ausschöpfen – liegt auf der Hand: eine Intensivierung des Aspektes des Überlebenskampfes, ein ungehemmteres Schwelgen in gegenseitigen Antipathie-Kundgebungen unter den Kandidatinnen und Kandidaten bei unvermindertem Hoffen auf sexuelle Spannungen. Ein Mangel an Kandidaten für die nächste, bereits geplante Expedition wird sich nicht einstellen. Dies, obschon es selbst bei einer Quizshow von TV3 höhere Geldbeträge zu gewinnen gibt. Aber anscheinend einzig „Expedition Robinson“ vermag – neben der ersehnten Gelegenheit, mit der Einöde des Alltags und dem Korsett der Konventionen zu brechen – die rare Chance der Selbstfindung zu verheissen.
Andreas Maurer
Der Autor, zurzeit Praktikant beim Katholischen Mediendienst, studiert Publizistik und Filmwissenschaften an der Universität Zürich
„Expedition Robinson“,
jeweils Sonntag um 20.00 Uhr auf TV3
