Film und Theologie im Gespräch: Das Mysterium des Opfers

Der Begriff „Opfer“ wird im Alltag oft selbstverständlich gebraucht. Einmal hinterfragt, gibt er sich sperrig. Das Wort ist belastet. Feministinnen kritisieren zu Recht, dass Frauen und vor allem Mütter aufopferungsvoll sein sollen. Auch im religiösen Kontext kann das Wort leicht irritieren: denn warum will ein Gott, der ein Liebhaber des Lebens sein soll, seinen Sohn als Opferlamm am Kreuz verenden sehen? Kein leichtes Terrain also, das die Teilnehmer/-innen am 10. Symposium „Film und Theologie im Gespräch“ in Schwerte begangen haben. Als Diskussionsgrundlage dienten Filme wie „Breaking the waves“ (Lars von Trier, 1996), „Festen“ (Thomas Vinterberg, 1998) oder „Armaggedon“ (Michael Bay, 1998).

„GEWALTige OPFER“, so der Titel der Tagung in der Katholischen Akademie Schwerte, lässt die Ambivalenz des Themas anklingen; Opfer und Gewalt liegen nahe beieinander. Dogmatikprofessor Raymund Schwager aus Innsbruck referierte zum Thema „Ist eine christliche Theologie des Opfers noch möglich?“ Schwager sieht das Opfer Jesu dramaturgisch und sucht damit eine neue Sicht der Opfertheologie. Er beruft sich dabei auf René Girard und dessen Sündenbocktheorie. Danach konstituiert sich eine Gesellschaft über die Gewalt: indem ein Opfer ausgeschlossen und getötet wird, stiftet sich die Gesellschaft Identität. Im Ritual wird diese Opferung immer wieder unblutig wiederholt und symbolisiert. Die Gewalt entsteht durch die sogenannte „mimetische Rivalität“: was andere begehren, wird automatisch auch als begehrenswert erlebt und damit entsteht eine Konfliktsituation, die durch die Opferung gelöst wird.

Eine neue Erzählung

Mit dem Christentum hält nun aber eine neue Erzählung Einzug. An die Stelle der Gewalt tritt das Wort: „Im Anfang war das Wort / und das Wort war bei Gott / und das Wort war Gott.“ (Joh 1,1). Die Gewalt wird verurteilt, und die Feindesliebe ersetzt sie. Tötende sind nicht mehr Opfernde, sondern Agenten einer gewalttätigen Welt. Jesus stirbt am Kreuz, aber dies war nicht notwendige Bedingung für die Rettung der Menschen, sondern ein Risiko, das er in Kauf genommen hat durch sein kompromissloses Lieben. Gott hat dieses „Opfer“ nicht verlangt, aber seine Gewaltlosigkeit ging so weit, dass er nicht eingegriffen hat; denn dies hätte neue Gewalt hervorgerufen. Nur in diesem Sinn hat laut Schwager Gott seinen eigenen Sohn „geopfert“.

Kino als Opferritual

Charles Martig, Filmbeauftragter des Katholischen Mediendienstes, zeigte in seinem Referat das Kino als neuen Ort des Opferrituals. Actionfilme wie „Armageddon“ (der Titel stammt übrigens aus der biblischen Offenbarung), in dem der Held sich am Schluss für die Rettung der Menschheit an Stelle eines anderen opfert, befriedigen das Bedürfnis nach dem Faszinosum der sinnvollen Gewalt des Opfers. Kino kann aber auch zum Ort der Überwindung dieser Gewalt werden oder aber zum Ort, an dem man über die nicht zu überwindene Gewalt trauern kann: darüber, dass das Opfer notwendig oder sinnvoll scheinen kann.

„Breaking the waves“ als Opferdrama

Bess, die verstörende Heldin in Lars von Triers „Breaking the waves“, die ihr Leben opfert, um dem Geliebten das Leben zu retten, provoziert mit ihrer bedingungslosen Annahme des Opfers. Aber mehr: Sie bedient sich geradezu der Gewalt anderer, um ihr Ziel zu erreichen. Diese Gewalt ist sexuell verbrämt, die Opferung ihrerseits aber ist motiviert durch Bess´ sehr intensives und sinnliches Erleben der Liebe mit Jan, von dem sie sagt, dass er ein grossartiger Liebhaber sei. Nur aus einer grossen Lebensfülle hervor ist ein Opfer möglich, scheint der Film den einen zu sagen; andere sehen in Bess eine naive Selbstmörderin ohne eigenes Ich. Vielleicht stimmt beides?

Eine zeitgenössische Frage

Es gibt in den neunziger Jahren viele Filme, die zeigen, das das Spannungsverhältnis von Gewalt und Opfer eine zeitgenössische Frage ist. Im Action- und Science-Fiction-Film wie „Armageddon“, „Blade runner“ oder „Im Körper des Feindes“ ist die Welt aus den Fugen geraten und kann nur durch ein (Menschen-) Opfer wieder geordnet werden. Tim Robbins bezieht sich mit seinen Schlusssequenzen in „Dead man walking“ auf den gewaltsamen Sühnetod Jesu, was ambivalente Reaktionen auszulösen vermag. Aktuell im Kino läuft „Die Siebtelbauern“ von Stefan Ruzowitzky.

Susanne Hofer Tacchini