Apokalypse – Jahr 2000 – Jahrtausendwende
Obwohl das neue Jahrtausend offiziell erst am 1. Januar 2001 beginnt, blicken wir bereits jetzt gebannt auf den 31. Dezember 1999 und erwarten dann die Jahrtausendwende. Eine Auswahl von Büchern und einer Musik zum Thema.
Ein schmales Taschenbuch mit dem lapidaren Titel „Stichwort: Jahrtausendwende“ gibt kurz und bündig Auskunft darüber, wann denn eigentlich die Jahrtausendwende stattfindet, welche Vorstellungen sich im Hinblick darauf breitmachen und weshalb das allerorten prophezeite Computer-Chaos eintreten könnte. Verdankenswerterweise wird auch ein Rückblick auf die Jahrtausendwende um 1000 gegeben und mit der irrigen aber weitverbreitete Behauptung aufgeräumt, damals habe Panik geherrscht. Ein kurzgefasstes Taschenbuch, das zwangsläufig oberflächlich sein muss, das aber dennoch einen guten Überblick gewährt.
An Norman Cohns Klassiker „Die Sehnsucht nach dem Millennium“ werden all jene nicht vorbeikommen, die vor allem an historischen Bezügen interessiert sind. Obwohl die Geschichtsforschung inzwischen viel Neues entdeckt und teilweise andere Akzente gesetzt hat, bietet Cohn nach wie vor einen hervorragenden Überblick über die Endzeitbewegungen im Mittelalter.
Hugo Stamm dagegen setzt seinen Schwerpunkt in der Gegenwart und untersucht die Endzeitvorstellungen von Sekten und Kulten im 20. Jahrhundert. „Im Bann der Apokalypse“ hat seine starken Momente immer dann, wenn Stamm die abstrusen aber nicht ungefährlichen Visionen und Ideologien von New Age über die Neuen Rechten bis hin zu den Sekten beschreibt. Schade nur, dass er sich moralisierende Seitenhiebe und allzu oberflächliche Ausflüge in die Geschichtswissenschaft nicht verkneift. So liest sich sein Buch stellenweise wie das Pamphlet eines Sektenkritikers, der selbst zum Apokalyptiker geworden ist.
Im Zeichen der Apokalypse steht auch die Fernsehserie „Millennium“. Zur zweiten Staffel dieser aussergewöhnlich düsteren Endzeitserie hat Sascha Westphal ein Fanbuch geschrieben, das einiges zu bieten hat. In „Millennium – Die zweite Staffel“ findet man nicht nur ausführliche Inhaltsangaben zu jeder Folge, sondern auch Hintergrundinformationen, die aufzeigen, wo überall das Material für „Millennium“ zusammengeklaubt wird. Und schliesslich enthält das Buch einen respektablen Überblick über die Geschichte des Endzeitfilms.
Ein waschechter Endzeitprophet ist Wolfgang Johannes Bekh. Sein Buch „Das Ende der Welt“ ist ein derart unglaubliches Machwerk, das man sich fragt, wie es ins Programm eines renommierten katholischen Verlags geraten konnte. Auf nahezu fünfhundert Seiten zählt er Visionen und Prophezeiungen von den alten Ägyptern bis zu Ernesto Cardenal auf, nicht etwa, um sie kritisch zu kommentieren und in einen historischen Zusammenhang zu stellen. Nein, er tut es, um zu demonstrieren, wie sehr diese Weissagungen doch zutreffen und dass tatsächlich alles darauf hindeutet, dass das Ende der Welt kurz bevorsteht. Zu diesem Zweck scheut Bekh vor Geschichtsklitterung ebenso wenig zurück wie vor Antisemitismus.
Wer eine seriöse „Geschichte der Zukunft“ sucht, der wird von Georges Minois ausgiebig bedient. Sein Buch besitzt genau das, woran es Bekh in so erschreckendem Masse mangelt: eine nüchterne, kritische aber nie moralisierende Sicht der Geschichte. Mit über achthundert Seiten sprengt dieses Werk allerdings definitiv den Rahmen des Lesestoffs für Zwischendurch. Dank ausführlichem Inhalts- und Stichwortverzeichnis eignet es sich jedoch auch als Nachschlagewerk.
Mit der biblischen Quelle beschäftigt sich der Bildband „L´Apocalypse de Jean vue par Charles Sahuguet“. Sahuguet hat darin das Buch der Offenbarung mit über vierzig Bildern illustriert und gedeutet. Angelehnt an mittelalterliche Buchmalerei, beispielsweise an die Illustrationen zu den Werken Hildegard von Bingens, ist ihm eine aussergewöhnlich faszinierende Interpretation der Apokalypse gelungen. Im Textteil beschränkt sich das französische Buch neben einem Porträt des Malers auf den biblischen Originaltext und die ebenfalls biblischen Verweisstellen. Damit ist dieser überaus sorgfältig gestaltete bibliophile Bildband auch für deutschsprachige Leserinnen und Leser problemlos geeignet – vorausgesetzt sie besitzen eine deutsche Bibelausgabe.
Thomas Binotto
– Martin Bauer: Stichwort Jahrtausendwende. Heyne-Taschenbuch 1998. 95 Seiten. Fr. 12.90. ISBN 3-453-13187-8.
– Wolfgang Johannes Bekh: Das Ende der Welt. Pattloch-Verlag 1998. 488 Seiten. Fr. 37.00. ISBN 3-629-00822-4.
– Norman Cohn: Die Sehnsucht nach dem Millennium – Apokalyptiker, Chiliasten und Propheten im Mittelalter. Herder-Spektrum 1998. 411 Seiten. Fr. 29.80. ISBN 3-451-04638-5.
– Georges Minois: Geschichte der Zukunft. Artemis&Winkler 1998. Fr. 80.00. ISBN 3-538-07072-5.
– Charles Sahuguet: L´Apocalypse de Jean. Edition Saint-Augustin 1998. 120 Seiten. Fr. 98.00. ISBN 2-88011-064-5.
– Hugo Stamm: Im Bann der Apokalypse – Endzeitvorstellungen in Kirchen, Sekten und Kulten. Pendo-Verlag 1998. 340 Seiten. Fr. 44.00. ISBN 3-85842-335-1.
– Sascha Westphal: Millennium – Die zweite Staffel. Heyne-Taschenbuch 1998. 351 Seiten. Fr. 14.90. ISBN 3-453-15439-8.
Intime Apokalypse
So wirkungsreich die Apokalypse des Johannes in der Theologie- und Religionsgeschichte war und ist – Komponisten haben sich nur sehr selten an dieses Thema gewagt. Einer der wenigen ist der Franzose Jean Françaix (1912-1997). 1939 war das Hauptwerk des tiefgläubigen Katholiken vollendet. Wie seine übrigen Werke, ist auch die Apokalypse kein avantgardistisches Stück. Im Gegenteil – Françaix betonte immer, wie wichtig ihm der Dialog mit grossen Künstlern der Vergangenheit sei – mit Mozart, Schubert, Berlioz und Ravel. Und das hört man dem Werk bei aller stilistischen Selbständigkeit und Originalität an.
Obwohl das Oratorium mit grossem Chor, Solisten, Orgel und zwei Orchestern besetzt ist, erliegt Françaix nie der Versuchung, eine effektvolle Bilderbuchapokalypse zu inszenieren. Seine Deutung der Apokalypse zielt mehr ins Innere des Hörers, ist eine musikalische Meditation. Ein Werk, dessen Entdeckung sich lohnt, zumal in dieser sorgfältigen, rundum überzeugenden Einspielung.
Jean Françaix „L´Apocalypse selon St. Jean“. Leitung: Christian Simonis – wergo 286 632-2.
