„Verständnis wecken bei den einen für die anderen“

Seit anfang Jahr leitet Alois Schuler die Redaktion Religion von Schweizer Radio DRS. Im folgenden Interview spricht er über den Auftrag seiner Redaktion und über seine Pläne, die auch der religiösen Vielfalt in unserer Gesellschaft Rechnung tragen wollen. Im weiteren über die Zukunft der religiösen Sendungen auf Radio DRS und über seine Wahrnehmung der kirchlich mitverantworteten Sendungen.

Herr Schuler, was ist der Auftrag der Redaktion Religion von Schweizer Radio DRS?

Wir haben mindestens einen doppelten Auftrag: einerseits müssen wir journalistisch darüber berichten, was im Bereich von Religionen und Kirchen aktuell ist. Darüber hinaus auch über andere geistige Strömungen, die für uns bedeutsam sind, seien sie institutionell oder nicht. Andererseits sorgen wir dafür, dass die kirchlich mitverantworteten Sendungen – Predigten und Gottesdienste – stattfinden können. Mit den kirchlichen Verantwortlichen sind wir dabei inhaltlich im Gespräch, mischen uns sonst aber nicht ein. In einer Predigt darf ein Pfarrer sagen, was er will. Grenzen bestehen nur durch die Konzession. Zwischen diesen beiden Aufträgen würde ich teilweise die Sendungen am Sonntag morgen um halb neun ansiedeln. Hier gestalten wir auch besinnliche Beiträge, die nicht im engen Sinn journalistisch sind, sondern einfach zum Nachdenken anregen wollen.

Nun trägt Ihre Redaktion ja den Namen „Redaktion Religion“ und nicht etwa „Redaktion Christentum“. Wie sehen Sie in Ihrem Auftrag das Verhältnis von Christentum und anderen Religionen?

Ich denke, dass wir diesbezüglich noch auf der Suche sind. Ein Problem dabei ist, dass die meisten unserer Sendungen am Sonntag morgen ausgestrahlt werden. Somit haben wir ein Publikum, das vom christlichen Kontext her kommt oder mindestens christlich sozialisiert wurde. Ich vermute, dass Muslime oder Juden nicht unbedingt am Sonntag morgen nach etwas Religiösem im Radio suchen. Die Predigten sind natürlich klar christlich. Wenn wir muslimische Gottesdienste übertragen möchten, müssten wir dies am Freitag nachmittag tun. Bei den jüdischen Gottesdiensten wäre es schwieriger: einerseits würde der jüdische Gottesdienst am Sabbat abgebildet, andererseits könnten Juden genau dann nicht Radio hören. Es gäbe also gewisse Schwierigkeiten. Die gesellschaftliche Situation hat sich aber so stark gewandelt hat – und wird sich noch wandeln -, dass wir darauf reagieren müssen. Zu sehen ist dies besonders beim Islam. Die Zahl der Muslime in der Schweiz beträgt mittlerweile rund 200´000. Wir haben diese Strömung bisher schon wahrgenommen und Sendungen darüber gemacht. Aber wegen der Sendegefässe und auch, weil wir von der Redaktion Religion alle aus christlichen Elternhäusern kommen, ist es bisher darum gegangen: wie nehmen wir als Christen die Muslime wahr? Wir vermitteln Information über den Islam für Christen oder Leute, die christlich sozialisiert sind. Auf jeden Fall werden wir dieser gesellschaftlichen Situation der religiösen Vielfalt in Zukunft grösseres Gewicht beimessen müssen.

Und was für weitere Pläne haben Sie mit der Redaktion Religion in den nächsten zwei bis drei Jahren?

Wie gesagt: unsere inhaltliche Kompetenz im Bereich Islam muss verbessert werden. Im weiteren gibt es auf DRS2 vom 6. April 1998 an ein neues Sendegefäss; ein Magazin mit Kurzbeiträgen, das sich mit kulturellen und gesellschaftlichen Themen befasst. Wir diskutieren nun, was für einen Beitrag wir dort leisten können. Ich bin überzeugt, dass wir einen zu leisten haben, die Religion hat dort etwas zu sagen. Etwas weiteres hat mit der multireligiösen Situation unserer Gesellschaft zu tun. Bis vor kurzem hatten wir an den katholischen Sonderfeiertagen Fronleichnam, Maria Himmelfahrt, Allerheiligen und Maria Empfängnis eine Predigt im Programm. Diese Predigten waren im (Werktags-)Programm des Radios ein Fremdkörper. Für diejenigen Hörer, denen diese Feiertage nicht wichtig sind, sind sie störend. Diejenigen Leute, denen die Feiertage viel bedeuten, können einen Gottesdienst besuchen, die Thematik wird zudem oft am folgenden Sonntag in der Predigt aufgegriffen. Meine Idee, und sie ist vorläufig nur die meine: wenn irgendeine religiöse Gruppierung, die ein gewisses Renomée hat – nicht nur die Katholiken, sondern auch Muslime und Buddhisten – einen Feiertag zu feiern hat, dann muss man doch den anderen erklären, um was es sich dabei handelt. Ziel wäre, dass man von den katholischen Feiertagen ein wenig mehr weiss als: das ist dann, wenn in Zürich die Läden voll sind. Aber auch, dass man vom Ramadan ein wenig mehr weiss, als dass die Muslime dann fasten müssen und in der Nacht umsomehr essen. Ich stelle mir vor, dass wir in einer journalistischen Herangehensweise über diese Feiertage Berichte machen, die sich an diejenigen wenden, die sie noch nicht kennen. Ohne dabei Schulfunk zu veranstalten – das wäre mir zuwider!

Im Zusammenhang mit Ihren Plänen stellt sich auch die Frage nach der Zukunft der Religion auf Radio DRS. Ist die Existenz der religiösen Sendungen bedroht?

Von der Chefetage her gibt es keine Bedrohung. Es ist unbestritten, dass es Religion und eine Redaktion Religion bei Radio DRS geben soll. Zwar wurde im letzten Herbst mit der Einführung von „8 vor 8“ auf DRS1 die Ausstrahlung „zum neuen Tag“ auf Mittelwelle verschoben. Das ist eigentlich ein Abbau. Dem Sendegefäss „zum neuen Tag“ wurde so mehr als die Hälfte der Zuhörer weggenommen. Dem gegenüber stehen die Ergebnisse der Hörerforschung. Wenn man das Publikum fragt, zu welchen Themen sie mehr Beiträge im Radio hören möchten, dann werden zuerst Medizin, Naturwissenschaft, verschiedene Ratgeber-Themen, Alltagspsychologie und andere genannt. Ganz am Schluss kommt die Religion. So stehen die Chefetagen ein wenig unter Zugzwang und wir haben eher schlechte Karten. Bei dem Beispiel von „zum neuen Tag“ haben wir auch vergleichsweise wenig Reaktionen gehabt. Lediglich ein paar hundert Leute – von der halben Million, die um diese Zeit Radio hören – haben sich gemeldet. So gesehen ist die Sicherheit der religiösen Sendungen relativ. Im Moment gibt es niemanden, der die Religion abbauen möchte. Aber je nach Situation könnten auch schnell Argumente gegen sie zur Hand sein. Wir selber glauben, dass wir ein treues Publikum haben. Es ist einfach noch ein wenig schmal…

Bei den Gottesdienstübertragungen und den Radiopredigten arbeiten Sie mit den Kirchen zusammen. Wie nehmen Sie die kirchlichen Vertreter wahr? Bringen sie genügende Fähigkeiten für die Radiokommunikation mit?

Unsere direkten Ansprechpartner sind die kirchlichen Radiobeauftragten. Mit ihnen haben wir eine gute Zusammenarbeit und führen ein offenes Gespräch. Die Leute, die die Radiopredigten halten, sind sehr motiviert und machen ihre Sache gut. Die Schwierigkeit ist, dass eine Radiopredigt keine gewöhnliche Predigt ist. Eine normale Predigt hält man zu einem versammelten Publikum. Eine Radiopredigt hält man zu lauter einzelnen Personen. Zu einzelnen Menschen in Form eines Monologes zu sprechen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Seit kurzem haben wir die Schulung für die Radioprediger und Radiopredigerinnen intensiviert, was sich lohnt. Bei den Gottesdienstübertragungen hingegen haben wir meiner Meinung nach noch nicht das bestmögliche Resultat erreicht. In den nächsten Jahren könnte es zu einem Philosophiewechsel kommen. Bisher war unser Ziel, das Gottesdienstgeschehen im Land zu dokumentieren. Vielleicht müssen wir künftig andere Kriterien zur Auswahl der Gottesdienste entwickeln. Denn ein Mikrophon ist einfach unbarmherzig. Beim Fernsehen ist es klar, dass ein Gesicht, wenn es von der Kamera gefilmt wird, geschminkt sein muss. Ein ungeschminktes Gesicht ist auf dem Bildschirm unansehlich. Beim Mikrophon und beim Zuhören ist das ähnlich. Stimmen müssen für ein Mikrophon geschult sein. Wenn ich in einer Kirche einen Kirchenchor höre, finde ich vielleicht, dass er ganz anständig singt. Wenn ich ihn aber aus dem Radio höre – aus demselben Radio, aus dem ich vorher und nachher die weltbesten Chöre auf CD höre – kann es sein, dass er schrecklich klingt.

Angenommen Sie hätten genügend Mittel zur Verfügung – wie sähe Ihre Wunschsendung aus?

Diese Frage sollten wir uns in der Redaktion Religion häufiger stellen. Wir mussten in der ersten Hälfte der neunziger Jahre viel sparen und waren vollkommen beschäftigt herauszufinden, wie wir mit dem finanziell-zeitlichen Korsett durchkommen. So konnten wir nicht oft über Fragen dieser Art nachdenken. Mir persönlich ist es am liebsten, wenn am Radio etwas passiert. Ich möchte nicht immer schon zum Vornherein wissen, was ich dem Publikum sagen will. Ich möchte gerne Leute an einen Tisch bringen, bei denen man sich wundert, weshalb sie noch nie miteinander gesprochen haben. Ein Beispiel, das schon einige Jahre zurückliegt: Hans Küng, der ein grosser Ökumeniker ist, hat damals offiziell noch nie etwas mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen zu tun gehabt. Ich konnte Hans Küng und Konrad Reiser, den Generalsekretär des Ökumenischen Rates, zu einem Gespräch einladen. Die beiden hatten sich natürlich auch schon gesehen, aber noch nie vor Publikum zusammen gesprochen. Und dies, so dachte ich mir, müssten sie unbedingt einmal tun. Für mich war das Gespräch spannend und meine Fragen waren echte Fragen. So konnte wirklich etwas entstehen. Eine Möglichkeit wäre auch, Repräsentanten von Islam und Christentum zusammenzubringen, die schon längst in Diskussion sein sollten. Hinter dieser Idee steht vielleicht so etwas wie aufklärerischer Eifer. Ich bin der Meinung, dass ein Gespräch etwas bringt, und dass Argumente zählen. Ich möchte versuchen, Verständnis zu wecken bei den einen für die anderen.

Das Interview führte Sabine Schüpbach

Zur Person:Alois Schuler (geb.1957) hat nach dem Gymnasium in Zürich katholische Theologie studiert. Er war kurz als Pastoralassistent angestellt und hat danach fünf Jahre als politischer Redaktor bei Tageszeitungen gearbeitet. Seit 1990 ist er bei Radio DRS für die Redaktion Religion tätig, deren Leitung er anfangs 1998 übernommen hat. Seine Konfession bezeichnet Alois Schuler als „evangelisch-katholisch“: in Bezug auf den Stellenwert der Bibel und auf das Kirchenbild evangelisch, wenn es darum geht, den ganzen Erdball im Blick zu haben, eher katholisch.

Schweizer Radio DRS neu im Internet
Vom 2. März 1998 an informiert Schweizer Radio DRS unter http://www.drs.ch über die Welt und über das Radio. Zu den Angeboten gehören die jeweils neuesten Nachrichten, die jederzeit gehört werden können und ausgewählte Beiträge aus verschiedensten Sendegefässen, die so nicht mehr verpasst werden können. Aber natürlich auch Informationen über das kommende Radioprogramm – auch hier mit Hörproben. Die Redaktion Religion (http://www.drs2.ch/programm/sendu/t24.html) hat ihren Platz im Angebot von DRS2. Auf der Homepage finden sich nicht nur die Gesichter zu den Stimmen, sondern auch weiterführende Informationen zu den einzelnen Sendungen. Für das Homepage-Angebot, soweit es DRS