West Beyrouth
Durch eine Super-8-Kamera beobachten junge Libanesen einen Luftkampf über ihren Köpfen. Da ruft die Schulleiterin zur Ordnung, die Kinder müssen sich für die Nationalhymne aufstellen – für die Marseillaise. Denn obwohl arabischer Abkunft, gehen viele dieser Jugendlichen als Kinder von Eltern der gehobenen Mittelschicht in die französische Schule im Osten Beiruts. Tarek (Rami Doueiri) hat seine eigenen Ideen, damit umzugehen: Heimlich schleicht er sich mit einem Megafon auf die Galerie und erntet mit der libanesischen Nationalhymne den Jubel seiner Mitschülerinnen und Mitschüler.
Es ist April 1975, und es ist Tareks letzter provokativer Streich in der Schule. Von einem Fenster aus wird er kurze Zeit später Zeuge eines brutalen Massakers an palästinensischen Buspassagieren. Wenige Tage darauf beginnt der Bürgerkrieg, und eine Demarkationslinie trennt die Bewohnerinnen und Bewohner des christlichen Ost – vom arabischen West-Beirut – der Weg zu Tareks Schule ist versperrt.
Der libanesische Regisseur Ziad Doueiri, der in jenem Jahr zwölf Jahre alt wurde, hat mit „West Beyrouth“ einen autobiografischen Film gedreht, der aber weit über die persönlichen Erinnerungen hinaus viele Geschichten verwebt und auch politische Stellungnahmen einbezieht. Das beginnt nur schon beim Titel: Die Kombination zweier Schreibweisen – des englisch geschriebenen „West“ und des französisch geschriebenen „Beyrouth“ – verweist auf die Haltung der beiden europäischen Nationen, die den Libanon als Zankapfel und nicht als Aufgabe zur Friedenssuche betrachteten.
Im Zentrum von Doueiris Film steht jedoch das Erwachsenwerden seines Protagonisten Tarek, den er von seinem eigenen jüngeren Bruder Rami spielen liess. Mit Tarek und dessen bestem Freund Omar (Mohamad Chamas) hat Doueiri zwei kontrastierende Charaktere geschaffen – träumerisch und naiv der eine, pragmatisch und wachsam der andere -, die von ihren jungen Darstellern überzeugend vital und vielschichtig gespielt werden. Dass Tareks erste Liebe May (Rola Al Amin), die im selben Haus wohnt, wie er, eine Christin ist, wird ihm erst bewusst durch die Reaktionen seiner Umgebung: eines radikalisierten Schulkameraden, der ihn als Verräter beschimpft, und von Omar, der ihr, die politisch ebenso unschuldig ist wie Tarek, zumindest rät, ihr goldenes Kreuz nicht zu offensichtlich zu tragen.
Es ist ein grosses Verdienst des Regisseurs, dass er seinen Film entlang dieser Liebesgeschichte nicht in eine süssliche Romanze abgleiten liess. Im Gegenteil: Die Erzählung, die grundsätzlich den chronologischen Ereignissen folgt, gewinnt hier durch Zeit- und Handlungssprünge an Authentizität und Glaubwürdigkeit, und durch neue, irrationale Erzählelemente wird die beklemmende Stimmung einer Stadt im Kriegszustand spürbar. Der Wegfall kitschiger Elemente und stereotyper Dramatisierung machen offensichtlich, dass es dem Regisseur gelungen ist, aus seinen Filmstudien in den USA positive Einflüsse mitzunehmen. Dass sich sein Alter Ego Tarek vor allem an seine private Historie erinnert, arbeitet Doueiri durch gezielte Einmontage von Super-8-Material heraus. Wie aus einem Albtraum wirken die Bilder von der Gewalt in den Strassen, abgefilmt aus Nachrichtensendungen oder Dokumentarfilmen. Aber auch Tareks Erinnerungen an glücklichere Zeiten scheinen zum Schluss des Films auf. In ihnen deutet sich ein anderes Erwachsenwerden des Protagonisten an, der lernt, private mit politischer Geschichte zu verbinden und zur Verbesserung der einen die Veränderung der anderen anzustreben.
Christoph Rácz
West Beyrouth, Frankreich/Libanon/Belgien/Norwegen 1998, Regie: Ziad Doueiri
Film des Monats Mai 1999
