Bringing Out the Dead
Der Ambulanzfahrer Frank (Nicolas Cage) zerstört sich selbst, weil er die Welt nicht retten kann. In einem irrsinnigen Totentanz durch das nächtliche New York inszeniert Martin Scorsese eine Höllenfahrt, die nach Erlösung schreit.
Frank Pierce (Nicholas Cage) ist Ambulanzfahrer in Manhattan und am Ende seiner Kräfte. Die ständigen Nachtschichten und die unausgesetzte Konfrontation mit Gewalt und Elend zehren an seiner Substanz. Weder kann er auf die Beanspruchung mit der bulligen Zuversicht seines Kollegen Marcus (Ving Rhames) reagieren, noch schützt er sich, wie sein anderer Partner Tom Walls (Tom Sizemore), indem er sich in Zynismus flüchtet. Pierce leidet mit. Er möchte den Leuten helfen, doch es sind immer wieder die gleichen Patienten, mit denen er es zu tun kriegt: Säufer und Drogenab-hängige.
Bei einem Einsatz für einen älteren Mann, der einen Herzinfarkt erleidet, trifft Frank auf Mary (Patricia Arquette), die Tochter des Patienten und ebenfalls eine ehemalige Heroinabhängige. Mary begleitet ihren Vater in die Notfallstation, und weil er aus seinem Koma nicht erwacht, verbringt sie die nächsten zwei Tage im Spital. Franks und Marys Wege kreuzen sich immer wieder und zwischen den beiden entsteht eine ebenso tiefgründige wie gefahrvolle Verbindung.
„Bringing Out the Dead“ ist die vierte Zusammenarbeit von Martin Scorsese mit Drehbuchautor Paul Schrader. Von Schrader stammen auch die Scripts zu „Taxi Driver“ (1975), „Raging Bull“ (1979) und zu „The Last Temptation of Christ“ (1988). Schrader, der zunächst protestantische Theologie studierte, hat die Eigenheit, mit seinen Skripts in Scorsese, dem authentischen Chronisten des italoamerikanischen Grossstadtlebens, eine spirituelle Seite anzusprechen. Ambulanzfahrer Frank Pierce ist ein existentialistischer Held, ein durchschnittlicher, unauffälliger Mensch, der sich von seiner Umwelt Schritt für Schritt entfremdet, auf seinem Leidensweg ein existenzielles Unbehagen an der Gesellschaft durchlebt und seinen Rückzug auf sich selbst schliesslich in einen Ausbruch von Gewalt münden lässt.
Zum andern aber erinnert Frank Pierce – und hier kommt das spirituelle Element von Scorseses und Schraders Zusammenarbeit wieder zum Tragen – an den Protagonisten von „The Last Temptation of Christ“. Bei seiner Premiere heiss umstritten, basierte dieser Film auf dem gleichnamigen Roman des Griechen Nikos Kasantzakis. Was Scorsese und Schrader an dem Stoff faszinierte, war die Sichtweise, die Kasantzakis von Christus entwickelte und mit der er die Kirchenhierarchien seiner Zeit ebenso vor den Kopf stiess wie Scorsese und Schrader mit ihrer Adaption die organisierte Religion der Achzigerjahre. Kasantzakis sah Christus nicht als Heiligen, sondern als Menschen, getrieben und gemartert von Leidenschaften, zu denen namentlich – und daran entzündete sich der Zorn gewisser Kreise – ein explizites sexuelles Interesse an Maria Magdalena zählte.
„Bringing Out the Dead“ lässt sich durchaus als Ergänzungsstück zu „The Last Temptation of Christ“ verstehen, ist Frank Pierce doch so etwas wie eine aktualisierte Christusfigur. Er ist ein Heilsbringer, der von seiner Umwelt nicht verstanden und angenommen wird, ein Mitleidender, dem auch seine eigene Erlösung versagt bleibt, sieht man ab von dem Trost, den er in den Armen einer Frau findet, die – kein Zufall – Mary heisst.
Verfilmt ist „Bringing Out the Dead“ wie erwartet auf höchst einfallsreiche und atmosphärisch dichte Art. Zuweilen fehlt es dem Film in einem Zeitalter, in dem neurotische Aussenseiter nicht mehr zu Mördern und Märtyrern werden, sondern zu Internet-Milliardären, ein wenig an Gegenwartsbezug. Ganz abgesehen davon, dass New York unter der Ägide des Bürgermeisters Giuliani zur saubersten und sichersten Grossstadt der USA geworden ist. Doch spätestens mit dem nächsten Börsencrash dürfte sich all das wieder ändern.
Vinzenz Hediger
„Bringing Out the Dead“ USA 1999, Regie: Martin Scorsese
Film des Monats Mai 2000
