Visions du Réel 2003
Vom 28. April bis 4. Mai fand das vielbesuchte Festival Visions du Réel in Nyon statt. Auch dieses Jahr bot sich Gelegenheit, über die Genrevielfalt im Dokumentarfilm zu diskutieren. Der längste Film dauerte über zwei Stunden, der kürzeste nur gerade eine Minute.
Aus einer Auswahl von 1´500 Produktionen wurden insgesamt 121 Filme gezeigt. Das Konzept, das der engagierte Festivalleiter Jean Perret zusammen mit seiner Equipe realisierte, kam beim Publikum an. Der stetig ansteigenden Besucherzahl begegnete man, indem man das in der Bretagne ansässige und in Europa einzigartige „Impérial Bioscope“ bat, am Genfersee zu gastieren. Das Kinozelt mit 300 Plätzen knüpft an die Tradition des Jahrmarktkinos zu Beginn des 20. Jahrhunderts an. Der Aufwand hat sich gelohnt, denn das Festival durfte über 25´000 Eintritte verzeichnen, was einer Zunahme von 20 Prozent entspricht.
Was die Zuschauerinnen und Zuschauer zu sehen bekamen, war vielfältig und jenseits herkömmlicher Sehgewohnheiten. Eine Eigenart des Festivalprogramms ist, dass es der landläufigen Vorstellung vom Dokumentarfilm kaum Raum bietet. Die ausgewählten Filme vermitteln zwar Ansichten der Wirklichkeit, jedoch bleibt in der Regel Zeit, hinter die Bilder zu schauen, komplexe Zusammenhänge und Hintergründe wahrzunehmen, zu verstehen und zu hinterfragen. Damit ist auch klar, dass die Filme keinen Anspruch auf Objektivität beanspruchen. Die Ansichten verdanken sich einem neugierigen, subjektiven, sensiblen Ich und die Bilder vermitteln Reisen ins Innere dieses Ichs, ins Innere des Anderen, des Alltags; sie leuchten die Befindlichkeit eines Landes und seiner Gesellschaft aus und fragen nach dem, was gewesen ist und werden könnte.
Neben einer Reihe von Filmen, die sich um Krankheit, Sterben und Tod drehten, rückte auch der Krieg ins Blickfeld. Einen sowohl berührenden wie bedrückenden Auftakt dazu bildete der Eröffnungsfilm „Dans, Grozny dans“ („Die Verdammten und die Heiligen“) des Holländers Jos de Putter, der von der Publikumsjury mit einer lobenden Erwähnung bedacht wurde. Auf dem Hintergrund der im Tschetschenien-Krieg zerstörten Häuser zeigt der Film eine traditionelle Kindertanzgruppe aus Grosny, die sich auf eine Europatournee vorbereitet. Weil sie überleben wollen, tanzen sie auf höchstem Niveau, „um der Welt zu zeigen, dass wir normale Menschen sind“. Ausgehend von Gandhis pazifistischer Botschaft setzt sich der indische Regisseur Anand Patwardhan in der dicht montierten Dokumentation „War and Peace“ mit der Aufrüstung und dem wahnwitzigen Nuklearprogramm seiner Regierung auseinander, und Michal Aviad aus Israel vermittelt mit „For My Children“ einen Einblick in ihren Familienalltag seit dem Ausbruch der Intifada im Oktober 2000. Vor Jahren emigrierte sie mit ihren Eltern nach Israel, heute stellt sich für die Filmemacherin und ihren Mann angesichts der Gewaltspirale die Frage, ob die Zeit gekommen ist, das Land „For my Children“ wieder zu verlassen.
Mit Unterstützung des DEZA war der Länderschwerpunkt dieses Jahr Argentinien gewidmet. Fünf Filme unabhängiger Cineasten haben auf halbem Weg des zweiten Wahlgangs der Präsidentenwahlen das Bild eines von der Krise geschüttelten Landes vor Augen geführt. Ihre einzigartige Sicht der gegenwärtigen Situation, die sich deutlich von den Fernsehklischees unterscheidet, dokumentiert die Auswirkung zehnjähriger Misswirtschaft auf das Volk.
Schliesslich bot Nyon auch dem Schweizer Dokumentarfilm ein internationales Schaufenster. Im Wettbewerb stellte Paolo Poloni den von den kirchlichen Mediendiensten mitunterstützten Film „Il viaggio a Misterbianco“ vor. Der Filmemacher italienischer Herkunft, der nie in Italien gelebt hat, und dem sein italienischer Pass manchmal wie ausgeliehen vorkommt, macht sich mit einer DV-Kamera für vier Monate auf eine Italienreise. Episodenhaft erzählt er, was er auf dem Weg vom Norden in den Süden erlebt, gefühlt und beobachtet hat.
In der Reihe „Helvétiques“ wurde neben dem neusten Werk von Richard Dindo „Aragon: le roman de Matisse“ über die Begegnung des Schriftstellers Louis Aragon mit Henri Matisse vor einem begeisterten Publikum auch „Mission en enfer“ von Frédéric Gonseth als Weltpremiere aufgeführt. Im Dienst des Roten Kreuzes war 1942 ein junger Arzt voller Idealismus als schweizerischer Sanitäter an der Ostfront und erzählt nun dem Filmemacher, was ihm in Erinnerung geblieben ist – eine äusserst genau dokumentierte Untersuchung, die in einem Grenzbereich Europas die alten Schlachtfelder wieder vor Augen führt und die Frage nach Verantwortung stellt.
Hans Hodel, Filmbeauftragter Reformierte Medien
| Preise:
Der Grosse Preis wurde dem russischen Film „The Last Term“ von Vladimir Eisner zugesprochen. Thomas Heise erhielt für „Vaterland“ den Preis der SRG SSR idée suisse. Mit dem neuen Preis der „Union mondiale pour la nature“ (UICN) wurde der estnische Beitrag „Yuri Vella´s World“ von Liivo Niglas ausgezeichnet. Der belgische Film „La Décomposition de l´àme“ von Nina Toussaint und Massimo Iannetta erhielt den Publikumspreis und wurde von der Internationalen Jury lobend erwähnt. |
