Verdinger

Der Berner Oberländer Alfred Ryter war kaum acht Jahre alt, als er zu einer fremden Bauernfamilie in Frutigen kam. Seine Mutter war krank und musste ins Sanatorium, sein Vater konnte die fünf Kinder alleine nicht ernähren. Alfred Ryter wurde eines von tausenden Verdingkindern, die hierzulande bis in die 70er-Jahre Zwangsarbeit verrichten mussten und dabei psychischer wie physischer Gewalt ausgesetzt waren. Ryter schlief alleine in einem dunklen Tenn und bekam nichts zu essen. Machte er einen Fehler, wurde er geschlagen. In der Schule hiess er nur «Verdinger».

Isoliert wuchs Ryter ohne jegliche Liebe auf und schaffte es erst spät, das Geschehene aufzuarbeiten. Der inzwischen 80-jährige Mann kämpft auch heute noch mit den Folgen seiner Vergangenheit. Schlafstörungen und Angst sind seine ständigen Begleiter, gegen die Depressionen helfen ihm nur Medikamente.

Die Dokumentation des Regisseurs Saschko Steven Schmid, die Ryters Erlebnisse mit nachgestellten Szenen bebildert, ist ein erschütterndes Zeugnis einer dunklen Schweizer Epoche. Manchmal nimmt die dramatische Musik ein wenig Überhand. Dafür wirken die Momente, in denen Alfred Ryter Raum und Zeit für seine Schilderungen gelassen werden. In diesen Szenen kann man seine Emotionen, die er nicht vor der Kamera verbirgt, nachfühlen. Übrig bleiben die unbeantworteten Fragen, die auch nach all den Jahren noch so präsent sind: Warum haben mich diese Menschen so behandelt und warum hat niemand etwas dagegen getan?

Sarah Stutte, Filmjournalistin

«Verdinger», Schweiz 2020, Regie: Saschko Steven Schmid, Verleih: SCHMIDfilm, http://www.schmidfilm.ch, Filmhomepage: http://www.verdinger.ch

Info: Zum Film ist auch ein gleichnamiger Text-Bildband in einer Sonderedition erschienen. Zu beziehen über die Homepage.

Kinostart: 3. September 2020