Another Reality

Willkommen in einer anderen Realität. Hier gibt es nur Männer. Sie treffen sich in Cafés, Kiosks, Schischabars oder beim Coiffeur. Beim Coiffeur sind sie oft. Lassen sich ihre Haare schneiden, Augenbrauen zupfen und die Bärte stutzen. Im Fitnessclub stemmen sie ganze Metallräder und lassen die Muskeln ihrer oberschenkeldicken Arme spielen. Schliesslich will sich keiner verklopfen lassen. Manchmal läutet ein Telefon, dann verschwindet einer. Kommt er wieder, sind seine Hosentaschen voll mit Geldscheinen.

Die Kulisse dieser anderen Realität bieten Berliner Vororte. Hochhäuser werfen dort ihre langen Schatten auf Normspielplätze. Auf den Parkplätzen stehen extra teure Autos mit extra breiten Reifen. Das Klischee ist perfekt.

Und was liegt dahinter? Noël Dernesch und Olli Waldhauer begleiteten Agit, Ahmad, Parham, Kianush und Sinan während dreier Jahre. Die Männer haben die Illegalität hinter sich gelassen und sind nun Kioskbetreiber, Autoverleiher und Rapper. Ihre Erzählungen füllen Begriffe wie «Clan», «Sippenhaftung» oder «Parallelgesellschaft» mit Anschauung.

Diese Welt mutet fremd an. Anknüpfen kann man an den gesellschaftskritischen Diskussionen im Kiosk. Bei Cola und Cekirdek, den türkischen Sonnenblumenkernen, sinnieren die Männer über Gott und ihre andere Welt. Das tun sie mit einer guten Portion Selbstironie. Das ist gut. Humor brauchen die Protagonisten und wir Zuschauenden unbedingt, ansonsten ist diese Realität schlecht verdaulich.

Eva Meienberg, Redaktorin Medientipp

«Another Reality», Deutschland 2020, Regie: Noël Dernesch, Olli Waldhauer; Besetzung: Agit Gündüz, Ahmad Srais, Kianush Rashedi; Verleih: Cognito Films; https://www.cognito-films.com/documentary/another-reality/

Kinostart: 3. Dezember 2020