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Familienwerte, Kriegstraumata und Migration   

Debatten an der Berlinale vom 5. bis 15. Februar 2009

Zahlreiche Filme an der Berlinale beschäftigten sich mit Familienwerten, Solidarität und der Integration von traumatisierten Kriegsopfern. Die Ökumenische Jury vergab ihren Preis an "Lille Soldat – Little Soldier" von Annette K. Oleson. Die peruanische Regisseurin Claudia Llosa – Gewinnerin des Goldenen Bären – zeigt die Auswirkungen des Krieges anhand eines Frauenschicksals in "La teta asustada – Milch des Leidens". Auch ragte der Migrationsfilm "Welcome" heraus, in dem die Frage nach der politisch wirksamen Nächstenliebe gestellt wird.

Die durch Globalisierung und Mobilität in Frage gestellte Kleinfamilie stellt sich als nachhaltiges Problem dar. Im internationalen Kino findet deshalb eine Debatte statt über die Rettung der traditionellen Familienwerte, oder vielmehr über die Neuformulierung dieser Werte. In "Mammoth – Mammut" ist es die Situation eines gutsituierten Ehepaares, das sich in der Karriere soweit installiert hat, dass ein geregeltes Familienleben nicht mehr stattfinden kann. Als Ersatz muss eine philippinische Nanny das Mädchen hüten, eine Frau die selbst zwei Kinder zu Hause hat, die sie für den Verdienst verlassen musste.

Dass auch im iranischen Film solche Verwerfungen im Mittelstand bestehen, zeigt "Darbareye Elly". Eine junge Frau, Elly, wird während eines Wochenendes am Kaspischen Meer plötzlich vermisst. Angesichts der Krise fallen die versammelten Verwandten in traditionelle Familienmuster zurück, die sie bereits überwunden glaubten. Asghar Farhadi zeigt einen Konflikt zwischen modernen Lebensformen und traditionellen Familienwerten. In "London River" suchen eine englische Mutter und ein aus Afrika stammender muslimischer Vater ihre Kinder nach dem Londoner Bombenattentat 2005. Sie begegnen sich erst, als sich herausstellt, dass ihre beiden Kinder in einer Partnerschaft lebten, von der sie als Eltern nichts wussten. Erst die Abwesenheit der verschollenen Kindern führt zur Einsicht, dass ein Dialog über die Grenzen von Kultur und Religion hinaus notwendig ist.

Kriegstraumata gespiegelt

Es ist bekannt, dass die Kriege im Irak oder in Afghanistan seine Opfer auch in den westlichen Gesellschaften produziert. In "Little Soldier" ist es Lotte, eine dänische Frau, die nach einem Auslandeinsatz zurückkehrt. Körperlich und seelisch hat sie Wunden davongetragen. Auf der Suche nach Arbeit findet sie Unterschlupf bei ihrem Vater. Er heuert Lotte als Fahrerin für ein Callgirl an. Dass der Vater ein Bordell betreibt und sein Geld mit Menschenhandel verdient, interessiert die Soldatin vorerst nicht. Erst als sie das Callgirl Lilly besser kennenlernt und sich mit gewalttätigen Freiern konfrontiert sieht, ergreift sie die Initiative. Sie versucht die Prostituierte zu befreien. Ein direkter Konflikt mit ihrem Vater bahnt sich an. Besonders sehenswert macht den Film, dass hier das Schicksal einer Frau mit Kriegserfahrung gezeigt wird. Üblicherweise sind es Männer, die in solchen Ausgangslagen im Kino gezeigt werden. Im amerikanischen Film "The Messenger" bekommt ein Kriegsrückkehrer die Aufgabe, bei Todesfällen in der US-Armee die nächsten Verwandten zu kontaktieren. Die persönlich überbrachten Botschaften verändern den Soldaten Will nachhaltig. Er erlebt, wie viel Leid der Krieg im eigenen Land auslöst und wie seine eigenen Beziehungen zerbrechen. Nur mit Hilfe seines Vorgesetzten und der regelmässigen Konfrontation mit dem Leiden der Familien kann er sich für ein neues Leben öffnen.

In direkter Verbindung zu diesen Filmen über Kriegsveteranen ist auch der peruanische Film "La teta asustada – Milch des Leidens" von Claudia Llosa zu sehen. Hier ist es Fausta eine junge Frau, die von ihrer Mutter das Schicksal der Vergewaltigung erbt. Die Zeit des terroristischen Kampfes ist vorbei. In Fausta lebt jedoch die Angst weiter und hat ihre Seele geraubt. Doch dieser Alltag der geraubten Seele wird vom Tod der betagten Mutter durchkreuzt. Faustas Leben verändert sich einschneidend. Für sie beginnt eine Reise aus der Furcht in die Freiheit. In der Gestaltung des Filmes sind es die Metapher der "vergifteten Muttermilch" sowie die melancholischen Gesänge in der Indiosprache, die Empathie wecken und überzeugen. Der Gegensatz zwischen Leben und Tod ist im Film vielfach präsent und gibt dem Leiden des Opfers einen weiten Resonanzboden. "La teta asustada" wurde unter anderem mit Beteiligung des Schweizer Fonds "Visions Sud Est" finanziert und kommt dank dem Verleiher Trigon-Film im kommenden Winter in die Schweizer Kinos.

Migration und Nächstenliebe

Die zunehmenden Migrationsbewegungen fordern vor allem die wohlhabenden Gesellschaften heraus, ihre Haltung neu zu bedenken. So ist es nicht erstaunlich, dass dieses Thema in aktuellen Filmen aufgegriffen wird. Im französischen Film "Welcome" von Philippe Lioret ist es der 17-jährige Bilal, der aus dem Irak bis nach Calais gereist ist, um zu seiner Geliebten nach England zu gelangen. Doch hier am Ärmelkanal ist für ihn Endstation. Die Lastwagen und Schiffscontainer werden aufs genauste geprüft. Immigranten werden zurückgehalten und in Calais in Asylzentren eingepfercht. Der Kanal scheint unüberwindbar. In einem öffentlichen Bad begegnet Bilal dem Schwimmlehrer Simon, der sich gerade in Scheidung befindet. Er nimmt Bilal auf und gibt ihm Unterricht. In vielschichtiger Weise thematisiert der Film, den Wert der Nächstenliebe, die Bedeutung von Liebe in der Beziehung und die Verpflichtung in einer möglichen Vater-Sohn-Beziehung.

Charles Martig, Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
charles.martigkath.ch
Preisträger der Ökumenischen Jury

Der Preis für einen Film aus dem Internationalen Wettbewerb ging an:

LILLE SOLDAT (LITTLE SOLDIER)
Regie: Annette K. Oleson, Dänemark 2008

Der Film macht uns vertraut mit den Problemen einer jungen Soldatin, ihren Weg von einem Friedenseinsatz zurück in ihr Alltagsleben zu finden. Nicht zuletzt ihr gewalttätiger Vater setzt einen schmerzhaften Klärungsprozess in Gang: Geschlechterrolle, Vater-Tochter-Beziehung und Menschenhandel. Der Film bietet keine einfachen Lösungen, aber am Ende erscheint die Perspektive eines selbstbestimmten Lebens. Zurückhaltende Anspielungen auf ihre Kriegserfahrungen verbinden die im Auslandseinsatz erfahrene Gewalt dramaturgisch und schauspielerisch überzeugend mit der verborgenen aber realen Gewalt europäischer Gesellschaften.

Die Ökumenische Jury vergab im Internationalen Wettbewerb zwei lobende Erwähnungen an:

LONDON RIVER
Regie: Rachid Bouchareb, Algerien, Frankreich, Grossbritannien 2009

Der algerische Regisseur zeigt die Begegnung einer christlichen Mutter mit einem muslimischen Vater. In den Tagen der Londoner Bombenattentate 2005 fürchten sie um das Leben ihrer Kinder. Der Film erkundet, wie wechselseitige Vorurteile überwunden werden können und wie gegenseitiger Respekt inmitten einer Tragödie entsteht.

MY ONE AND ONLY
Regie: Richard Loncraine, USA 2009

Dieses Roadmovie durch die 1950er-Jahre in den USA, beruhend auf einer wahren Geschichte, verbindet auf sehr intelligente Weise Humor und existentielle Fragen: Wie findet man seinen Weg und was braucht man, um glücklich zu sein? Die Ökumenische Jury hat die Leichtigkeit besonders geschätzt, die sich in traurigen und ausweglosen Lebensumständen als sehr belebend erweist.

Der mit € 2.500 dotierte Preis für einen Film aus dem 39. Internationalen Forum des Jungen Films ging an:

TREELESS MOUNTAIN
Regie: So Yong Kim, Südkorea 2008

Im Fokus dieses koreanischen Films stehen zwei kaum schulreife Schwestern, die – von ihrer Mutter verlassen – einer alkoholkranken Tante ausgeliefert werden. Verloren in einer Welt, die ihre Verletzbarkeit übersieht, sind sie ganz auf sich selbst gestellt. Gerade weil diese Geschichte aus der Perspektive der beiden Mädchen stimmig erzählt wird, macht er die Folgen von abwesenden Eltern, von verweigerter Verantwortung und von ökonomischer Marginalisierung besonders gut sichtbar. Dies wird aufgewogen durch die subtil dargestellte liebevolle Fürsorge der Grossmutter. Geerdet in natürlichen Zusammenhängen schenkt sie den Mädchen eine höchst kostbare Gabe: ihre Zeit.

Der mit € 2.500 dotierte Preis für einen Film aus dem 20. Panorama ging an:

WELCOME
Regie: Philippe Lioret, Frankreich 2009

Der Film handelt von der Suche nach Liebe. Die Geschichte zwischen Simon und Marion scheint zu Ende während die zwischen Bilal und Mina es nicht schafft, zu beginnen. Bilal ist zu Fuss aus dem Irak gekommen, um zu Mina zu gelangen, die ihr Vater gegen ihren Willen in England verheiraten will. Bilal wird als illegaler Auswanderer in Calais festgenommen. Er nimmt Schwimmunterricht bei Simon in der verzweifelten Hoffnung, durch den Ärmelkanal zu schwimmen. Dass Simon sich für Bilal engagiert, schafft neue Perspektiven. Der französische Regisseur schafft es, in überzeugender Weise darzustellen, dass Liebe zwischen zwei Menschen nur möglich ist, wenn sie das Engagement für andere einschliesst.


Mitglieder der Ökumenischen Jury:

Guido Convents, Belgien
Jes Nysten, Dänemark
Charles Martig, Schweiz (Präsident)
Jolyon P. Mitchell, Grossbritannien
Joachim Valentin, Deutschland
Waltraud Verlaguet, Frankreich

Offizielle Festivalseite:
www.berlinale.de
Kirchliche Filmorganisationen:
www.signis.net
www.inter-film.org

Interview von Radio Vatikan mit Charles Martig:
www.oecumene.radiovaticana.org/ted/Articolo.asp?c=266092

17.02.2009

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