Il vento di settembre - Septemberwind   

Mit dem Film "Septemberwind" (Il vento di settembre) knüpft Alexander J. Seiler an seine politisch brisante Dokumentation "Siamo italiani" an, mit welcher er 1964 auf unvergessliche Weise den fremdenpolizeilichen Spiessrutenlauf, die soziale Ausgrenzung und die unwürdigen Wohnverhältnisse der in die Schweiz eingewanderten Arbeitskräfte aus Süditalien, aber auch ihre genügsame und anpassungsfähige Lebensweise, gezeigt hat. Was ist, fast vierzig Jahre danach, aus den arbeitswilligen Menschen und ihren Familien geworden? Wo sind ihre Kinder zu Hause, wovon träumen sie und wie fühlen sie sich? Die Fragestellung macht neugierig, aber es zeugt auch vom hohen Respekt des Filmemachers seinen damaligen Protagonisten gegenüber, dass er sich nach so langer Zeit für ihr Schicksal und ihre heutige Lebensweise interessiert. Er besucht sie sowohl in der Schweiz (vor allem im Raum Basel und in der Ostschweiz) und in Apulien.

Der Grundton der Begegnung mit den fünfzehn ausgewählten Personen und ihren Geschichten wird angestimmt mit einer Abschiedsszene am Bahnhof Zürich und der Eisenbahnfahrt mit einem Extrazug zu Beginn der Sommerferien Richtung Süden. Sie steht für Migration und Leben zwischen den Kulturen, für Abschied, Wiedersehen und Rückkehr, für Entwurzelung und Heimweh. Die Antworten auf die Frage nach der Heimat fallen verständlicherweise je nach Generation unterschiedlich aus. Sie haben sowohl bei den Alten wie bei den Jungen einen etwas melancholischen Unterton, hören sich aber trotz Vorbehalten und Einschränkungen irgendwie versöhnlich und optimistisch an. Die Grenze von damals ist offener, die Welt weiter geworden, und Schweizer und Italiener sind einander näher gerückt. Daran ändert auch Antonios Aussage am Ende des Films nichts, dass "Ferne und Heimweh das Herz brechen". Seilers einfühlsam erzählte Migrantengeschichten rühren vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten vierzig Jahre und den damit einhergegangenen Veränderungen das Spannungsfeld von Heimat und Heimaten an. Über die Frage nach der Heimat der Kinder und Grosskinder der seinerzeitigen Einwanderer aus Süditalien hinaus entwickelt der Film eine europäische Dimension und passt im Kontext der Expo 02 hervorragend zur Diskussion der Frage nach der Identität der Schweiz.

Hans Hodel, Filmbeauftragter Reformierte Medien

"Il vento di settembre" (Septemberwind), CH 2002, Regie: Alexander J. Seiler, Dokumentarfilm, Verleih: Frenetic Films, Bachstrasse 8, 8038 Zürich, Telefon: +41 (0)1 483 06 60, Fax: +41 (0)1 483 06 61, E-Mail: mailtofrenetic.ch, Internet: www.frenetic.ch, Kinostart: ab 23. Mai in Zürich und Bern, ab Ende Juni in Basel

14.05.2002

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