Soziale Dramen auf der Leinwand
Die pakistanische Regisseurin Sabiha Sumar hat für ihren
Film "Stilles Wasser" ("Khamosh Pani") am
56. Filmfestival von Locarno den ökumenischen Preis erhalten.
Sie wurde auch mit dem goldenen Leoparden ausgezeichnet und hat
damit grosse Anerkennung für ihr engagiertes Sozialdrama
erhalten. Der internationalen Wettbewerb zeichnete sich stark
durch soziale und religiöse Themen aus. Für seine Sozialkritik
im Film erhielt Ken Loach den Ehrenleopard.
Die Geschichte Pakistans, seine Teilung im Jahr 1947 sowie die
Militärherrschaft Ende der siebziger Jahre mit der Umwandlung
in einen islamischen Staat, wird im Erstlingswerk von Sabiha
Sumar neu aufgerollt. Sie erzählt die Geschichte aus der
Perspektive von Frauen, die zu Zehntausenden vertrieben und
verschleppt wurden. Viele sind bei der Teilung des Landes und
der gewaltsamen Abgrenzung von Muslimen und Sikh ums Leben
gekommen. Die Familienoberhäupter forderten ihre Frauen zum
Sprung in den Dorfbrunnen auf, um die Ehre der Familie vor dem
Ansturm der Feinde zu retten. "Stilles Wasser"
erzählt vom Schicksal einer Überlebenden, ihrem Trauma und
ihrer bitteren Erkenntnis, dass ihr Sohn sich
fundamentalistischen Kreisen zuwendet und die Vergangenheit der
Mutter nicht ertragen kann. In der Begründung der Jury heisst
es, dass der Film am Beispiel der beiden Frauen Aïcha und
Zoubida mit grosser Sensibilität zeige, wie Religion
menschliches Leben in Gemeinschaft fördere, aber genauso gut
benutzt werden könne, um Zwietracht und Angst zu säen. Die
Jury hat sich bewusst auf die Beziehung zwischen den beiden
Frauen konzentriert und die offene Kritik am Fundamentalismus in
Pakistan vermieden.
Suche nach Gott
Kontrapunkte bildeten die südkoreanische Meditation
"Frühling, Sommer, Herbst, Winter, Frühling" und die
Suche nach Gott im Bilddiskurs "Böse Zellen".
Das Nachwuchstalent Barbara Albert, bei uns vor allem durch den
Film "Nordrand" bekannt, geht in "Böse
Zellen" dem Wechselspiel von Chaos und Ordnung nach. In
einem verwirrenden Spiel von Beziehungsfragmenten zeigt sie
Menschen in einer kalten, beziehungsunfähigen Welt. Konsumismus
und Egoismus sind die prägenden Kräfte. Religiöse Motive sind
in Chorgesängen, im erleuchteten Bild eines unschuldigen
Mädchens und als spiritistische Sitzung von Jugendlichen
präsent. Die Grundbewegung der Kamera sucht nach den Kräften
des Schicksals im Chaos. Dieses spielt den Figuren übel mit und
doch scheint eine verborgene Ordnung hinter dieser
bruchstückhaften Welt zu liegen.
Neben diesem ambitiösen und formal möglicherweise
gescheiterten Werk stand "Frühling, Sommer, Herbst,
Winter, Frühling", die buddhistische Meditation über Kim
Ki-duks Kreis des Lebens. Streng in Jahreszeiten gegliedert und
in malerisch vollkommenen Landschaftsaufnahmen erzählt der Film
von den Verstrickungen eines Kindes in das Leid der Welt.
Stationen seines Lebens sind die erste Liebe, seine verrückte,
leidenschaftliche Mordtat als Erwachsener und die Hinführung
zum Zustand der Erleuchtung. Hier befinden wir uns in einem Werk
von äusserster formaler Vollendung. Vergleichbar mit der
Intensität von "Warum Boddhidharma in den Orient
aufbrach?" geht es im südkoreanischen Film um eine Parabel
aus dem Geist des Zen-Buddhismus. Ein Meister lehrt seinen
Schüler mit äusserst unkonventionellen Methoden, was Leiden an
der Welt und Befreiung aus dem Anhaften bedeutet. Unvergesslich
ist die Szene, in der der Meister mit einem Katzenschwanz das
Prajnaparamita-Sutra, den Lehrtext der höchsten Weisheit, auf
den Holzboden des Tempels schreibt und den Schüler auffordert,
diese Zeichen mit der Mordwaffe aus dem Boden zu schnitzen und
dadurch inneren Frieden zu finden. Nach der Vollendung des
Kreises wird der Schüler selbst zum Meister und ihm wird ein
Kind anvertraut. Theologisch ist der Film eine Herausforderung
für die christliche Gnadenlehre, kann aber - trotz seiner
universellen Bildsprache - eigentlich nur aus zen-buddhistischer
Perspektive wirklich Sinn machen.
Satire und Gebet
Es gibt Situationen im Leben, in denen nur noch beten oder
lachen hilft. So geht es auch dem bosnischen Regisseur Pjer
Zalica, der die verfahrene Nachkriegssituation in seinem
Heimatland mit den Mitteln der Ironie zeigt. Dabei schreckt er
in "Es brennt!" auch vor der Satire nicht zurück. Ein
von Korruption, Kriminalität und ethnischem Hass geprägtes
Dorf versucht sich an den Zustand des Friedens zu gewöhnen.
Durch den angekündigten Besuch des amerikanischen Präsidenten
entsteht eine umtriebige Atmosphäre. Schnell wird die
allgegenwärtige Korruption ausgeräumt, Menschenhandel und
Prostitution vertuscht und das Dorfbild aufpoliert. Doch die
Toten, gefallene Soldaten im Krieg, kehren zurück und rächen
sich für ihre Verdrängung. So platzt der Traum des
Bürgermeisters durch den aberwitzigen Selbstmord eines
Kriegsveteranen, der das Feuer wieder aufflammen lässt, und der
amerikanische Präsident verschwindet so schnell wie er gekommen
ist. Ironie, Klamauk und Trauer vermischen sich zu einer
skurrilen Beschäftigung mit den Geistern des Kriegs und des
Friedens.
Die ironische Brechung als Rettungsanker verwendet auch der
Rumäne Calin Netzer in seinem Sozialdrama "Maria",
das den Spezialpreis der internationalen Jury erhielt. Die in
blassfarbenen Bildern erzählte Elendsgeschichte der
siebenfachen Mutter Maria, die in ihrer Verzweiflung in die
Prostitution getrieben wird, enthält neben dem beklemmenden
Sozialdrama auch Elemente absurden Humors: Wie der
spielsüchtige Ehemann seine Arbeit verliert und im Suff die
letzten Ersparnisse der Familie durchbringt, ist witzig erzählt
und gibt dem Geschehen einen Hauch von Kusturicas Filmen.
Im internationalen Videowettbewerb war ein besonders
provokativer und anregender Film von Ulrich Seidl zu sehen. In
"Jesus, du weisst" beten sechs gläubige Menschen in
einer katholischen Kirche zu Jesus, dem Allwissenden und
Allmächtigen. Ihre Anliegen tragen sie reumütig oder
lobpreisend vor, immer mit einer Spur von Verhaltenheit und
Dankbarkeit; in den strengen und statischen Einstellungen des
Filmes. Hier werden wir als Publikum Zeugen von intimsten
Dramen, Schuldverstrickungen und Beziehungskonflikten. Und
ständig stürzt uns der Film in den Zwiespalt zwischen
menschlicher Neugierde und der Scham vor dem Eindringen in die
religiöse Intimsphäre dieser Menschen. Für diese katholischen
Gläubigen ist das Gebet die Lösung für ihre Lebensprobleme,
ein Ort der Heimat und Aussprache mit Gott. Immer auch merkt
man, dass es hier auch um Formen der Selbstinszenierung geht.
Das Gebet ist ein rhetorischer und liturgischer Gestus, der sich
in der Sprachformel "Jesus, du weisst..."
kristallisiert. Dem Film geht eine kurze Lobpreisung von drei
Gläubigen voraus. Sie beten inbrünstig für den Erfolg des
Filmes und für ihr missionarisches Ziel, das Gebet als Zugang
zum religiösen Leben wieder in der Gesellschaft zu verankern.
Dabei stellt Seidl seine Charakteren nicht einfach bloss, wie er
es in "Hundstage" oder "Hundeliebe" tat,
sondern rahmt die Gebetsituationen mit Choralgesängen und
ordnet sie dem kirchlichen Sakralraum zu. Der Film provoziert
Fragen, die ihn für die Diskussion über Sinn und Zweck des
Gebetes anregend machen. Sechs christliche Frauen und Männer
offenbaren ihr Verhältnis zu Gott und zeigen damit etwas
skandalös Unantastbares: ihren Glauben.
Ehrenleopard für soziales Engagement
Ken Loach wurde für sein soziales Interesse im Film mit dem
Ehrenleopard ausgezeichnet. Er ist im Lauf seiner Karriere vom
engagierten Aussenseiter zum gefeierten Vertreter des britischen
Kinos geworden. In seinen Filmen stellt er verdrängte
Realitäten dar: Arbeitslosigkeit, Diskriminierung,
Jugendkriminalität und Entfremdung. Er erzählt vom Alltag der
Arbeiterklasse und bringt ihre Wahrnehmung ins Kino. Er hat
bereits mehrere ökumenische Preise an internationalen
Filmfestivals gewonnen. Sein Engagement, das im innersten Kern
sowohl ein sozialistisches als auch ein christliches ist, hat
auch in seinen heutigen Werken den Stachel noch nicht verloren.
Charles Martig
Filmbeauftragter Katholischer Mediendienst
| Preis der ökumenischen Jury am Filmfestival Locarno
2003
"Die Jury vergibt ihren Preis an den Film "Khamosch
Pani" Stilles Wasser, Pakistan/F/D 2003) von Subiha
Sumar. Ausgeführt mit grosser Sensibilität zeigt der
Film am Beispiel der beiden Frauen Aïcha und Zoubida, wie
die Religion menschliches Leben in Gemeinschaft fördert,
aber auch wie Religion benützt werden kann, um Zwietracht
und Angst zu säen, Botschaften von grosser Wichtigkeit
und Dringlichkeit in unserer heutigen Welt."
Mitglieder der Jury: Jean-Pierre Hoby, Zurich
(Schweiz); Andrew Johnston, Ottawa (Kanada); Augustine
Loorthusamy, Selangor (Malaysia); Nathalie Roncier, Paris
(Frankreich) - Präsidentin; Paolo Tognina, Novaggio
(Schweiz); Ulrike Vollmer, Rottenburg (Deutschland) |
56. Filmfestival Locarno
http://www.pardo.ch
Ehrenleopard für Ken Loach
http://www.medientipp.ch/thema/th032930.htm
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